Aufgabe für einen Polyglott

3. Dezember 2014 - 11:11 | Iacov Grinberg

Die 66. Große Schwäbische Kunstausstellung hat ihre Pforten geöffnet.

Sie wird alljährlich vom Berufsverband Bildender Künstler (BBK) organisiert, obwohl das künstlerische Schaffen für die meisten seiner Mitglieder kein Broterwerb ist. Die Schau gibt einen Überblick über die Arbeiten der schwäbischen Maler.

Im 2. Stock des Schaezlerpalais befinden sich 60 Arbeiten, die von der Jury aus mehr als 300 vorgeschlagenen Arbeiten ausgewählt wurden. Hier gibt es Bilder mit Öl auf Leinwand, Fotoarbeiten, Flechten aus Ruten, klassische und abstrakte Zeichnungen, Radierungen und vieles andere. Die Galerie H2 im Glaspalast beherbergt vier Installationen, die aus den mehr als 30 Installationsprojekten ausgewählt wurden.

An der Qualität der ausgewählten Arbeiten gibt es keinen Grund zu zweifeln. Erfahrungsgemäß findet bei solchen Schwäbischen Kunstausstellungen ca. die Hälfte der Arbeiten ihre Käufer. Die Kommentare der Zuschauer waren aber ganz unterschiedlich. Bei ein und denselben Arbeiten waren Kommentare manchmal begeistert, manchmal ironisch oder gar abwertend. Das hat mich an die Metapher erinnert, dass etwa bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts die ganze Kunst eine Sprache sprach. Später, wie bei dem Turmbau zu Babel, geschah eine „Vermischung der Sprachen“. Die Künstler fingen an, in den verschiedensten Sprachen zu sprechen und die Zuschauer konnten die Künstler nicht immer verstehen.

Wenn wir ein Buch auf einer uns unverständlichen Sprache sehen, zum Beispiel in Hieroglyphen oder in Brailleschrift, verstehen wir, dass es ein Buch ist. Was aber der Verfasser dieses Buches den Lesern sagen wollte, was in ihm geschrieben ist, bleibt für uns rätselhaft: Sind das geniale Gedanken oder eine Sammlung von Floskeln, Gedichte oder Prosa, Segen oder Fluch? Selbst wenn wir andere Sprache verstehen, dann oft eben ohne ihre Feinheiten. Doch ist zwischen „Dummkopf“, „Dummchen“ und „Dummerle“ nicht nur ein Unterschied, sondern eine Schlucht! Geschweige denn, dass die Wörter anderer Sprachen für unser Ohr ganz komisch, sogar als Schimpfworte lauten können. Mein englischsprachiger Kollege amüsierte sich über „Schlechter Wörishofen“, da in Englischen „bad“ „schlecht“ bedeutet. Folglich sind die verschiedenen Kommentare wahrscheinlich nicht mit den Arbeiten selbst, sondern mit sozusagen „Sprachkenntnissen“ der Zuschauer verbunden.

Die Jury hat sich die Mühe gemacht, nicht nur des Verstehens einer Menge der heutigen Sprachen des künstlerischen Schaffens, sondern auch die Einschätzungen, was auf diesen Sprachen geschrieben ist. Sie hat Ihrer Aufmerksamkeit einen „lebendigen Schnitt“ des Schwabischen künstlerischen Schaffens vorgestellt, den Sie bis zum 18. Januar anschauen können, und nebenbei prüfen, welche Sprachen des heutigen künstlerischen Schaffens Ihnen verständlich sind.
(Iacov Grinberg)

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