Eine Aufgabe für Kunst?

13. Januar 2019 - 7:47 | Iacov Grinberg

Besprechung des Begriffs »Manipulation« im Augsburger Philosophischen Café

Zwischen zahlreichen Augsburger Vereinigungen existiert schon fast 13 Jahre erfolgreich das Philosophische Café. Es wurde vom Arzt und Psychotherapeuten Ingo-Wolf Kittel (1945–2013) am 17. Februar 2006 gegründet und wird jetzt von einem Orga-Team weitergeführt.

Bei jeder Sitzung (aktuell jeden zweiten Donnerstag des Monats, außer August, um 19 Uhr im »Leonardo da Vinci«, Im Gries 8, 86179 Augsburg) wird gesagt, dass es eine lose Vereinigung ohne eine Rechtsform ist, sie erhebt keinen Mitgliedsbetrag, ist parteipolitisch und weltanschaulich neutral und hat keinen wissenschaftlichen Anspruch. Sie vereint Menschen, die selbst philosophieren, selbst Wurzeln und Feinheiten des einen oder anderen Begriffs oder Ereignisses besprechen und erforschen möchten. Unter den anwesenden Personen gibt es sowohl Schüler als auch Professoren, Spezialisten aus verschiedenen Bereichen und mit unterschiedlicher Erfahrung. Das ergibt die Möglichkeit, die Begriffe oder Ereignisse, die bei der vorigen Sitzung als Thema ausgewählt wurden, aus ganz verschiedenen Perspektiven und Aspekten zu besprechen. Das ist immer sehr interessant, manchmal eröffnen sich für die Teilnehmer ganz unerwartete Gesichtspunkte oder Bezüge.

So passierte es auch bei der diesjährigen Januar-Sitzung, als man der Begriff »Manipulation« behandelt wurde. Nicht im Sinne von »Handgriff« in der manuellen Medizin oder »Handhabung« in der Technik, sondern als eine zielgerichtete, nicht selten vor der Zielperson verborgene Einflussnahme, bei der die Annahme einer Meinung, Ware oder Dienstleistung durch die Zielperson zu einem Nachteil für diese führen kann.

Solche Ereignisse sind gut bekannt. Eva wird von der Schlange überredet, trotz Gottes Verbot vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse zu essen. In der Literatur sind zahlreiche Beispiele der Verführung von jungen Mädchen und von Bauernfängerei beschrieben. Auch Kinder wurden oft von ihren älteren Spielkameraden zu den verschiedensten Dummheiten überredet. Ein Mensch kommt vorbereitet gegen solche Handlungen ins Erwachsenenleben, meist nicht aufgrund einer eigenen traurigen Erfahrung, sondern dank Märchen, Literatur, Theater, Filmen – in anderen Worten dank der Kultur.

Eine erfolgreiche Manipulation basiert auf der Fähigkeit der manipulierenden Person, die psychologischen Eigenschaften der manipulierten Person zu erkennen und diese für den eigenen Vorteil auszunutzen. Wir sind auf die Gefahr einer Manipulation auf zwischenmenschlicher Ebene mehr oder weniger vorbereitet. Aber in der modernen Welt tritt eine neue Gefahr auf, ein neuer Akteur, der die menschliche Psyche kennt und ausnutzen kann.

Es gibt heute, außer begabten Psychologen, Menschen, die meine Eigenschaften leicht erkennen können, um diese dann auszunutzen, auch Computerprogramme. Solche Programme berechnen aufgrund der Daten, welche Seiten wir besuchen, welche Artikel wir lesen, ob wir etwas im Internet bestellen oder nicht, ein wissenschaftlich begründetes psychologisches Bild. Wir wissen nicht, wer Daten über uns im Internet sammelt und was man mit diesen Daten macht. Aber wir bekommen ständig eine gezielt für uns persönlich ausgewählte Werbung.

Manipulation aufgrund von Internetdaten hat auch eine andere Dimension. Die britische Firma Cambrige Analytica hat gezielte Botschaften (»psychographic messaging«) für potenzielle Wähler geschaffen und dadurch bei Wahlen in den USA einen erheblichen Einfluss ausgeübt. Bekannt wurde dies eigentlich zufällig.

Vorbereitet sind wir auf diese Situation nicht, wir erkennen sie auch nicht. Wohl die einzige Möglichkeit, Menschen vor dieser Gefahr zu warnen, ist, sie in künstlerischen Arbeiten, in Literatur, Kino, Theater zu beschreiben und zu veranschaulichen. Die Sitzung des Philosophischen Cafés mündete diesmal im Bewusstsein der Notwendigkeit, in dieser Richtung einen Anspruch an die Kunst zu stellen. Hoffentlich erfüllt die Kunst diese Aufgabe.

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