Augsburg, 28. April – 75 Jahre später

28. April 2020 - 18:57 | Gast

Serie »75 Jahre Befreiung« – Teil 9. Ein Gastbeitrag von Hans Schuller

Nach Jahrzehnten der Diktatur des Turbokapitalismus mit Millionen von Opfern abhängig gemachter Menschen, die sich nur noch als Volkskonsumenten verstanden, gleichgeschaltet von einer Diktatur der alles beherrschenden Weltwirtschaft und verblendet vom Glanz der globalen Marken. Da riefen die Herrscher der Märkte die aufgepeitschten Massen zum Schwur: »Wollt ihr den totalen Konsum?!« Die Antwort kam umgehend und unisono: »Ja, unsere Führer, wir werden folgen bis zum totalen Endsieg des Kaufwahns!« Die Gleichschaltung der Geschäftswelt durch die staatlich geduldeten Ketten, die unsere Innenstädte uniformierten und nicht markenreine Läden aus unserem Alltag vertrieben, beunruhigte die Menschen nur anfangs. Sie fragten sich hinter vorgehaltener Hand, wohin werden sie wohl gebracht, diese individuellen Anachronismen des Kleinhandels? Man hörte so manches Schlimme munkeln … Die roten %-Flaggen prägten nun die Straßenfluchten der Städte dieser Welt, die zu geklonten Abziehbildern immer gleicher »Brands«, Geschmäcker und Sounds wurden. Die Größe der Malls sollte die Menschen an ihre Unbedeutendheit und Kleinheit gemahnen.

Die von der Propaganda des Wohlstands geblendeten Volkskonsumenten konnten selbst die peinlichen Offenbarungen wie Feinstaubbelastung, Nitrat im Grundwasser oder Dieselskandal nicht aus dem Traum eines tausendjährigen Shoppens erwecken. Widerstandsnester wie Attac, Greenpeace oder die Gruppe um Greta wurden durch die subtile Technik des Aussitzens und Auschwitzens im Keime erstickt. Eroberungsfeldzüge sollten dem Kapitalismus mehr Raum, und nicht nur im Osten, verschaffen; kulturelle Vielfalt und Biodiversität wurden gnadenlos niedergerungen, wo sie sich in den Weg stellten. Die Welt lag am Boden, ein einziger Schutthaufen aus vermeintlichem Glitzer, Plastik und Müll all den Dingen, die wir Menschen noch nie gebraucht haben.

Gefangene der eigenen Umstände, Fatalisten ohne Visionen, so sehen sich die Bewohner dieser Welt nach 75 Jahren Tanz um die heilige Kuh, die als Bewegung für eine nationalsoziale Volkswirtschaft begann und im Chaos des Shareholder-Value-Denkens unterging, gleichschaltet von der Floskel des »too big to fail«. Die Sehnsucht nach Entschleunigung, Begreifen und Verstehen, sozialer Nähe und Verpflichtung war nach 75 Jahren Konsumterror und Umsatzsteigerungswahn wie in Watte gepackt, wie Dinge längst vergangener Tage; Tage, von denen uns unsere Eltern und Großeltern erzählten; Dinge, die uns entfallen waren – die unerwünscht bis verboten waren. Bis eines Tages eine neue Blitzkriegsfront diesen Planeten überzog. In rasender Geschwindigkeit verteilt sich eine Armee aus Milliarden kleinster Krieger über diese Welt. Mit der Geschwindigkeit unserer Reisejets verbreiten sie sich wie eine verschlingende Flut über den ganzen Globus aus. Teten.

Diese heranrückenden Truppen lassen sich nicht mehr aufhalten, weder von mit Atemmasken und Desinfektionsmittel bewaffneten Volkssturmtruppen noch von markigen Sprüchen der Volkstribunen. Umsicht ist nun gefordert, um nicht im allgemeinen Chaos unsere Welt in die Steinzeit zurückzubomben. Der erklärte »Endsieg« der Wirtschaft wird nicht mehr gesehen, auch wenn uneinsichtige Parteigenossen bis zum letzten Atemzug an der Idee des erlösenden Konsums festhalten wollen. Der nahende Frühling verbreitet eine Ahnung von neuer Freiheit, neuen Chancen des Wirtschaftens und des ökologischen Überlebens.

Als am 28. April der Einmarsch des Virus in unseren Straßen erfolgt, stehen die Menschen noch unsicher hinter den Gardinen ihrer Wohnungsfenster? Kündigt sich ein neues Leben an? Werden die neuen Eroberer für eine neue Freiheit und Gleichheit sorgen. Können sie den alten Geist umerziehen zu mehr Bescheidenheit und Zufriedenheit?

Hans Schuller ist Vorstand des Bunds Deutscher Architekten Augsburg-Schwaben.


Zum 75. Jahrestag der Befreiung Augsburgs durch die Amerikaner am 28. April 1945 hat die a3kultur-Redaktion eine Reihe von Autor*innen, Historiker*innen und Menschen der Stadtgesellschaft um einen Gastbeitrag gebeten – zu lesen in den kommenden Wochen hier auf a3kultur.de!

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