Augsburg braucht kein Abitur

3. Juni 2015 - 8:13 | Martin Schmidt

Der umstrittene Gangster-Rapper Haftbefehl kommt zu Mutter Fugger. Neben dem Modular-Festival sind weitere Juni-Highlights Dinner und Aidan Baker.

Was für ein unglaublich klasse Booking das Modular-Festival (4. bis 6. Juni) aufweist, davon können Sie sich in der vorliegenden a3kultur-Ausgabe noch an anderer Stelle überzeugen. Für Aufsehen sorgt zuvorderst der Offenbacher Rapper Haftbefehl, der Mann, der das bis heute virulente Jugendwort 2013 »Babo« prägte (»Chabos wissen, wer der Babo ist«). Am Freitag, 5. Juni, spielt Hafti, der hiphoppende Hesse, von 21:15 bis 22:15 Uhr auf der Modular-Bühne.

Man könnte meinen, im Jahr 2015 zieht Hip-Hop seine blutige Lyrics-Spur durch die Fuggerstadt wie durch keine andere Metropole. Alle, alle, alle kommen sie, die Großen und auch die Neuen, und das ausgerechnet zu uns: Kollegah (10. September), Sido (20. November), Kool Savas (26. August), Celo & Abdi (26. September) und Morlockk Dilemma (29. Oktober). Was die wohl alle in Augsburg suchen? Die Stadt selber kann es nicht sein, wie Bushido in seiner Autobiografie  schrieb: »Jedes Jahr sage ich zu Tim, meinem Tourmanager, dass ich in diesem Scheißkaff nie wieder auftreten will. (…) Keine Ahnung warum, aber Augsburg ist einfach eine Kackstadt, sorry, Augsburger. Aber das ist nun mal so.« Die Autobiografie (Riva-Verlag 2008) enthält übrigens auch noch einen astreinen Diss einer Augsburger Live-Location. Fun-Fact: Bushido zog im Mai letzten Jahres Untermeitingen Augsburg vor und das diesjährige Modular findet ohne Bushido statt. Da half dann auch Bushidos 2013er-Tweet »Augsburg hat sich die Bundesliga verdient!!!« nicht mehr viel.

Und jetzt also Haftbefehl beim Modular-Festival. Ob seiner Gangster-Vergangenheit und seiner Relevanz für die Jugendkultur hat das Kulturfeuilleton, in dem der Rapper inzwischen längst angekommen ist, stets ein feuchtes Höschen und schwingt sich von Diskurs zu Diskurs. Die Texte des jungen Mannes mit dem bürgerlichem Namen Aykut Anhan hauen nämlich jedem Sozialpädagogen und bei Bedarf jedem Mittelschichtler versiert in die Fresse. Dabei punktet er mit einer grandios-grotesken Kunstsprache aus Versatzstücken aus dem Türkischen, dem Arabischen, dem Kurdischen, dem Hessisch-Deutschen und der Zaza-Sprache (Volksgruppe in der östlichen Türkei). Hört sich an wie Ghetto meets Dada. Und noch mal ein Fun-Fact: Das erste Geld, das Haftbefehl vom Label Universal bekam, investierte er in einen Jaguar – obwohl er gar keinen Führerschein hatte.

Psycho-Synthie

Vier Tage nach dem Modular-Festival (Tipps: Wanda, Sizarr) kommt dann ein Mann namens Dinner nach Augsburg. Am Mittwoch, 10. Juni, 20 Uhr, führt der dänische Produzent und Sänger Anders Rhedin auf schrägste Weise Wave, Gesang à la Joy Division und Synthie-Pop zusammen. Der Mann, der so etwas Irres auf sehr überzeugende Art und Weise tut, lebte bislang in Los Angeles, Kopenhagen und Berlin und hat drei EPs und eine Kassette mit aufgesprochener Meditationsanleitung veröffentlicht. In Dinners Stücken brechen sich die Zeichen aktueller Clubkultur mit Pop, Untergang, Surrealismus und psychedelischem Bonbongeschmack. Wer wissen will, was das Wort »idiosynkratisch« heißen kann, sollte hingehen. Hingehen, sehen und verwehen. Im Grandhotel Cosmopolis.

Drone im Trio

Am Montag, 15. Juni (Beginn: pünktlich 21 Uhr), kommt dann jemand nach Augsburg, der in Ambient- & Drone-Kreisen als Kultfigur gilt. Nicht umsonst beehrte er auch schon das Lab30-Festival: der in Berlin lebende Kanadier Aidan Baker. Spielort für seinen experimentellen Drone-Rock ist sensationellerweise das Jugendzentrum k15« in der Kanalstraße 15. Der Drone-Gitarrist hat Mitmusiker im Gepäck und spielt in der Besetzung Gitarre, Bass und Violine als Aidan Baker Trio. Unterstützt wird das Trio von Idklang (Wien), einem Projekt, das seine Noise- und Knisterzelte zwischen Cindytalk und Throbbing Gristle aufschlägt. »Rap braucht kein Abitur« (Sultan Hengzt), das ist gut und richtig – aber spannende und experimentelle Pop-Dekonstruktionen wie von Dinner oder Baker bestimmt auch mehr Publikum.

Foto: »Azzlack ist die Gang«: Beim Modular-Festival präsentiert Violence-Rapper Haftbefehl seine schönsten Salatrezepte. Foto: Robert Wunsch/Universal

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