Augsburg, Gott sei Dank

14. September 2018 - 17:29 | Martin Schmidt

In Augsburg findet der 75. Deutsche Pfarrer- und Pfarrerinnentag statt. Das Tagungsthema: »Religion und Gewalt«. Organisator ist der in Augsburg ansässige Pfarrverein Bayern. Öffentlicher Vortrag am Dienstag, 18. September, mit Hauptreferent Heribert Prantl.

Rund 400 Pfarrer und Pfarrerinnen aus ganz Deutschland werden von Montag, 17., bis Mittwoch, 19. September, nach Augsburg strömen. Die Tagung in der Friedensstadt hat sich das Thema »Religion und Gewalt« gesetzt und findet statt in der Kongresshalle. Die evangelische Theologenflut nächtigt über die Stadt verteilt, im Dorint, im Hotel am alten Park im Diako, im Haus Sankt Ulrich oder auch, je nach gusto und Aufenthaltsdauer, anderenorts.

Dass der Pfarrer- und Pfarrerinnentag in Augsburg stattfindet, hat seinen Grund darin, dass – was wenige wissen – der Pfarrverein Bayern seinen Sitz in Augsburg hat. Augsburg deswegen, weil es Corinna Hektor (siehe Foto) gibt. Die 51-Jährige – schwungvoll, engagiert, durchsetzungsfähig und rhetorisch brillant – arbeitet, agiert und wohnt hier als 1. Vorsitzende des Vereins. Dieses Amt hat sie seit 2014 inne, davor war sie seit 2006 die 2. Vorsitzende. Die Theologin war mehr als zehn Jahre Gemeindepfarrerin in Hochzoll-Süd, bereits ihr Vikariat hatte sie 1995 bis 1997 in Augsburg gemacht; in Oberhausen-Nord und St. Ulrich Innenstadt.

Der von ihrer Geschäftstelle nun also in Augsburg ausgerichtete Pfarrer- und Pfarrerinnentag wird begleitet von Exkursionen zu Projekten und Religionsgemeinschaften der Stadt. Unter dem Motto »Was dem Frieden dient« gibt es hier Besuche zum Beispiel im Grandhotel Cosmopolis oder, unter dem Titel »Miteinander in der Ausbildung – der Umgang mit Diversität und Integration«, im Ausbildungszentrum von MAN Energie Solutions. Auch Gespräche mit Dr. Günther Beckstein (»Bekehrung, Begeisterung und Fanatismus? – Was es braucht, damit es so weit nicht kommt«) oder mit Buddhisten (»Wie stehen Buddhisten zur Gewalt – und wie finden sie ihren Frieden?«) finden statt. Öffentlich ist der Vortrag des Hauptreferenten der Tagung, dem Chefredakteur der SZ Heribert Prantl am Dienstag, 18. September (siehe unten).

Gott und die Welt in der Stadt
Für die Theologen, die aus ganz Deutschland anreisen, gibt es neben einem Bayerischen Abend (mit dem Liedermacher und Theologen Wolfgang Buck) auch ein kleines touristisches Programm, hier stehen unter anderem die Themen und Orte Textilmuseum, die Puppenkiste, Brecht, die Fugger und Elias Holl an. »In Augsburg kann man sehr gut sehen, wie Traditionen, Überzeugungen, neue Ideen und der Wunsch, etwas zu erschaffen – und zwar nicht nur zur Ehre Gottes, sondern auch zum Nutzen der Menschen – die Stadt geprägt hat«, so Corinna Hektor. »Das war und ist über einen ganz langen Zeitraum hinweg sehr sichtbar hier. Deswegen wollte ich, dass man sich auch in einem Besichtigungsprogramm einen themenorientierten Ausschnitt davon etwas anschauen kann. Es geht darum, dass man in einem dieser Einblicke diesen Augsburger Spirit mitkriegt. Elias Holl ist jemand, der in meinen Augen diesen Spirit gut verkörpert, deswegen habe ich persönlich ihn auch für das Programm gewünscht.« Hektor schlägt, auch angesichts des eigenen Kulturabends, den Bogen noch weiter: »Ich bin überzeugt davon, dass Pfarrer und Pfarrerinnen kreative Menschen sind, genauso wie Künstler, Schriftsteller, Poeten: Wir gehen mit Sprache um, wir gehen mit Inhalten um. Wir wissen, das Rezeptionsästhetik etwas ist, über das man ab und zu nachdenken sollte – weil das damit zu tun hat, wie wir die Menschen erreichen.«

Herzstelle Augsburg
Die Geschäftsstelle des Pfarrvereins Bayern – die korrekte Bezeichnung lautet »Pfarrer- und Pfarrerinnenverein in der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern« – befindet sich unscheinbar in einem Wohngebiet, gelegen etwa zwischen der Fachhochschule und dem »Restaurant Rheingold«, genauer: in der Friedrich-List-Straße 5. In einem etwa 100 Quadratmeter großen, einstigen Anwaltsbüro hat die Vorsitzende Corinna Hektor ihren Arbeitsplatz. Ein Verein für Pfarrer – wofür? Im Wesentlichen hat der Verein die Funktion eines Art Betriebsrates und einer Art Gewerkschaft für Pfarrer, er ist Arbeitnehmervertreter gegenüber dem Arbeitgeber Kirche. Zum einen leistet zum einen kirchenpolitische Arbeit in Kommissionen und Arbeitsgruppen und begleitet auch die Arbeit der Landessynode. Er mahnt Missstände an ist an Gesetzgebungsverfahren beteiligt. Zum anderen berät und begleitet er in Einzelfallarbeit Vikare und Pfarrer.

Gott und die Welt im Beruf
Wie in jedem Berufsfeld haben auch Pfarrer ihre eigenen Schwierigkeiten und Herausforderungen: Ärger mit dem Dekan, Probleme in der Gemeinde, Zoff unter Kollegen, Schwierigkeiten mit den Kollegen. Die Hilfe des Pfarrvereins kann im Einzelfall bis zum Rechtsschutz über einen Anwalt gehen. Ein sehr landläufiges Berufsproblem ist die Organisation von Urlaubsvertretungen. Die Pfarrer sind hier – wie in fast allen Dingen – in Selbstorganisation auf sich selbst gestellt und zurückgeworfen auf eigene Problemlösungen. Und auch das Vikariat – die praktische Ausbildungszeit für Pfarrer – hat seine eigenen, sehr signifikanten Probleme: die jungen Theologen bestreiten ihren Lebensunterhalt von so genannten »Nebenbezügen«, haben finanziell zu kämpfen. Der Pfarrverein erstritt über einen Zeitraum von acht Jahren eine bessere Urlaubsregelung, erreichte eine gesenkte Besteuerung von Pfarrdienstwohnungen und kann Vikare bei finanziellen Notlagen die Möglichkeit eines zinslosen Darlehens bis 5.000 Euro gewähren.

Manches erreicht und immer noch viel zu tun für die Vorsitzende Corinna Hektor, die von Augsburg aus zum Teil bundesweit von Sitzung zu Sitzung, von Termin zu Termin reist. In Augsburg empfängt sie ebenfalls viele Gesprächsgäste. Und muss bei all dem Arbeitspensum auch manche Nachtsitzung im Schreibbüro verbringen. Davon zeugt eine Notmatraze im Büro, falls es einmal sehr spät nachts wird. Oft fährt Hektor in tiefer Nacht mit dem Taxi heim, was, wie Hektor belustigt erzählt, einen Taxifahrer nach ein paar Mal schon zu der Frage bewogen hatte, ob es denn hier in der Friedrich-List-Straße einen Club gebe, denn er noch nicht kenne.

Der Pfarrverein Bayern zählt über 3.000 Mitglieder, damit sind rund 80 Prozent aller bayerischen Pfarrer Mitglied. Die einzelnen Pfarrvereine ordnen sich nicht Bundesländern, sondern den Landeskirchen zu. Entsprechend gibt es in Deutschland 20 Pfarrvereine – in Bayern ist die Landeskirche mit dem Bundesland deckungsgleich.

Der Pfarrerinnen- und Pfarrertag findet alle zwei Jahre statt, ansonsten ist jährlich Mitgliederversammlung. Das Wichtigste und Spannendste für Corinna Hektor ist dabei: »Wir müssen immer wieder in Schritten darauf schauen, wie wir Pfarrerinnen und Pfarrer unsere Arbeit so selbstorganisieren, dass sie unter den heutigen Bedingungen – die weiten Wege, die Arbeitsbelastung – machbar ist. Und dass sie eben auch tatsächlich etwas hervorbringt. Es wird in den nächsten Jahren immer wieder neu um die Frage gehen, wie ein Berufsbild aussehen kann, dass es mit all seinen berufstypischen Lebenszumutungen attraktiv ist. Das aktive Selbstgestalten der Pfarrer soll darin vorkommen, aber auch die Qualifikation, die wissenschaftliche Theologie – und auch die Zeit dafür, im Allag über theologische Fragestellungen nachzudenken, das darf nicht untergehen.«

● Der öffentliche Vortrag von Heribert Prantl, Chefredakteur der SZ, zum Thema »Was kann Kirche für eine funktionierende Gesellschaft leisten? Welche Rolle können oder sollen Kirche, kirchliche Symbole und Formen in Schule und Gesellschaft haben?« findet statt am Dienstag, 18. September, um 10 Uhr in der Kongresshalle. Der Eintritt kostet 10 Euro.

Foto: Corinna Hektor, 1. Vorsitzende des Pfarrvereins Bayern, in ihrem Büro in der Augsburger Geschäftstelle. (Foto: Martin Schmidt)

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