Augsburg ohne Juden, Ausländer, Muslime, Flüchtlinge

20. Dezember 2019 - 10:02 | Max Kretschmann

Der neuen Ausstellung des Jüdischen Kulturmuseums Augsburg Schwaben im tim gelingt es auf emphatische Weise, den historischen Film »Die Stadt ohne Juden« aufzuarbeiten und daran Strukturen eines Gesellschaftswandels bis hin zum Genozid aufzuzeigen.

Ein Bild kann uns unscheinbar erscheinen, wie ein leeres unbedeutendes Zeichen, wenn wir nicht den Kontext dazu kennen. Man nehme ein Schwarzweißfoto eines Wohnzimmers, hoch herrschaftliche Stühle, aber leer, wie von einem Katalog, kein Leben bespielt diese Kulissen.

Als der Nachlass des Wiener Starfotografen Robert Haas (1898–1997) eröffnet wurde, fand man einige Umschläge mit genau solchen Bildern von Wohnräumen, mit Namen adressiert. Die Bilder waren zum Teil schlecht fotografiert und dem Oeuvre des Meisters keineswegs angemessen, weshalb sie zunächst für Verwunderung sorgten. Den Kontext lieferte erst ein an ihn adressierter Brief einer geflüchteten Wiener Jüdin, die Haas beauftragte die Gegenstände ihrer verlassenen Wohnung zum Andenken zu fotografieren. Was diese Fotos aber eigentlich zeigen, von einem rein dokumentarisch, sentimentalen Standpunkt einmal abgesehen, ist was fehlt – die geflüchtete oder deportierte jüdische Gemeinschaft Wiens.

Mit dieser gespenstischen Geschichte eröffnet die Ausstellung »Die Stadt ohne. Juden Ausländer Muslime Flüchtlinge« im Staatlichen Textil- und Industriemuseum (tim). Der Titel bezieht sich dabei auf den Roman »Die Stadt ohne Juden« (1922) des jüdischen Schriftstellers Hugo Bettauer, der satirisch die Antisemitismen seiner Zeit in eine Geschichte der Vertreibung verpackt, die prophetisch anmuten mag, jedoch von den Kurator*innen nicht so begriffen wird. Der Bestseller wurde zwei Jahre nach seinem Erscheinen verfilmt, gut erhaltene Filmkopien galten aber lange als verschollen, bis 2015 eine neuer Fund für Aufsehen sorgte. Diesen Film zum Gegenstand nehmend, wurde eine Ausstellung für die Stadt Wien kuratiert, die nun auf Initiative des Jüdischen Kulturmuseums Augsburg Schwaben ihren dritten Standort findet. Viele Exponate wurden dementsprechend dem bayrisch-schwäbischen Raum angepasst.

Die Museumsmacher*innen nahmen sich eine von Theodor W. Adorno gehaltene Rede vom 6. April 1967 zum Thema »Aspekte des neuen Rechtsradikalismus« als strukturelle Blaupause, um die Inhalte des Films aufzuarbeiten. Der prominente Vertreter der Frankfurter Schule teilte den Weg einer Gesellschaft zum Genozid in fünf Schritte ein, die in dieser Ausstellung zu Stationen werden: Polarisierung, Sündenböcke, Empathieverlust, Brutalisierung und Ausschluss. Jedem dieser Punkte ist je ein Filmausschnitt zugeteilt und Tore die es zu durchschreiten gilt, die aber immer enger werden – wie unsere Gesellschaft. Da die Kinoleinwand durchscheinend ist, ergeben sich bei den frei hängenden Projektionsflächen zwei Seiten. Diesen technischen Umstand nutzend, werden auf beiden Seiten Gegenstände und Dokumente ausgestellt, die zu diesen Themen passen, wobei die Vorderseite den Bezug auf die NS-Vergangenheit nimmt und die Rückseite jeweils die Bezüge in der Jetzt-Zeit sucht.

Bei der Pressekonferenz zur Eröffnung am 17. Dezember machten die Verantwortlichen deutlich, dass sie eine solche Ausstellung heute nicht mehr ohne Gegenwartsbezug gestalten können. Gerade im Lichte des Attentats in Halle vom 9. Oktober 2019 und dem fatalen Rechtsruck des Landes erscheint die Relevanz von »Die Stadt ohne. Juden Ausländer Muslime Flüchtlinge« umso dringender. Eine Kontextualisierung dieses Filmdokuments im Lichte der Shoah sowie den gegenwärtigen, menschenverachtenden Strömungen in Europa gelingt hier auf emphatische Weise, die mitunter zu Tränen rühren kann. Ein Muss für jede*n – ohne Ausnahmen.

»Die Stadt ohne. Juden Ausländer Muslime Flüchtlinge« ist bis zum 29. März im tim zu sehen. Das Begleitprogramm finden Sie online unter:
www.jkmas.de

Abbildung oben (klick zum Vergrößern): Die Stadt ohne Juden, Filmstill, 1924 © Filmarchiv Austria

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