Augsburg und die »innere Burg«

11. Juli 2015 - 9:30 | Martin Schmidt

Zum 500. Geburtstag würdigt eine Sonderausstellung die Mystikerin Teresa von Ávila. Ein Augsburger Laienorden trägt die teresianische Spiritualität weiter.

Im Jahr 1522 stiehlt sich ein siebenjähriges Mädchen zusammen mit seinem Lieblingsbruder Rodrigo aus dem gemeinsamen Elternhaus. Das Ziel der beiden: sich ins Land der Mauren aufzumachen, um diese darum zu bitten, geköpft zu werden – um dadurch zu Märtyrern zu werden. Der Name des Mädchens ist Teresa, 40 Jahre später wird sie ihr eigenes Kloster gründen. Heute gilt sie unter dem Namen Teresa von Ávila als die wohl bedeutendste Mystikerin der Christenheit. Dieses Jahr feiert man den 500. Geburtstag der Heiligen (1515– 1582).

Teresa von Ávila gründete im 16. Jahrhundert den Orden der Unbeschuhten Karmelitinnen – mit über 40.000 Schwestern der weltweit größte kontemplative Frauenorden. Noch mehr: »Durch ihr eigenes literarisches Werk, darunter als Hauptwerk ›Wohnungen der inneren Burg‹ (1577), gilt Teresa als glänzende Schriftstellerin des klassischen Spanisch«, erklärt Dr. Stephan Bachter. »Sie weist in ihren Schriften einen geistlichen Weg zur intensiven Gotteserfahrung im inneren Gebet und zu einer von Freundschaft geprägten Gottesbeziehung.« Bachter ist ehemaliger Mitarbeiter der Kunstsammlungen und Museen Augsburg, er wohnt unweit von Augsburg und ist Kurator der diesjährigen bundesweiten Wanderausstellung »Frommes Vorbild, freie Nonne – eine Heilige für die Moderne: die heilige Teresa von Ávila«. Für die Ausstellungsgestaltung und das Grafikdesign war weiters die Augsburger Werkstatt für Gestaltung Neonpastell zuständig, auch die Musik zur Klanginstallation stammt aus Augsburg. Die Ausstellung machte bisher in München, Berlin und Freiburg Station, aktuell wird sie bis 31. Juli in Luxemburg gezeigt, danach ist sie noch in Köln, Würzburg und Linz zu sehen. Bachter entschloss sich, die ihm darüber hinaus zur Verfügung stehenden Druckgrafiken nicht in die Wanderausstellung zu integrieren, sondern die sensiblen Dokumente unter den optimalen konservatorischen Bedingungen des Augsburger Grafischen Kabinetts dort in einer eigenen Ausstellung zu präsentieren.

Spuren der Karmeliten in der Fuggerstadt

Die Augsburger Ausstellungsmacher sind aber nicht die einzigen Links von Teresa zur Fuggerstadt. Das nächste Karmelitinnenkloster befindet sich in Welden. Es steht auf dem Theklaberg und wurde 1931 gegründet (und tatsächlich von einem Fugger auf den Resten einer ehemaligen Fuggerburg erbaut). Nach Augsburg direkt verschlug es nur den männliche Zweig der Reformbewegung des Teresianischen Karmels. Die Unbeschuhten Karmeliten kamen im Jahr 1630 aus Italien in die Fuggerstadt. Zunächst errichteten sie direkt vor dem Roten Tor ein kleines Kloster namens St. Josef. Die schwedischen Truppen setzten das Gebäude allerdings in Brand, was dazu führte, dass die Mönche Asyl bei den Benediktinern der Reichsabtei Ulrich und Afra fanden.

1637 konnte vor dem Frauentor das neue Kloster errichtet werden. Entsprechend treffen wir hier heute auf den Straßennamen Karmelitengasse. Genauso bekannt sind uns heute in Bleich und Pfärrle auch die Karmelitenmauer, der Karmelitenplatz und das Kleine Karmelitengässchen. Die vorteresianischen, mittelalterlichen Beschuhten Karmeliten waren freilich vorher schon in der Fuggerstadt vertreten: nämlich seit 1275 in St. Anna. Die Reformation löste den Orden im Jahr 1534 auf.
Der Augsburger Konvent (22 Mönche) der Unbeschuhten Karmeliten wiederum währte bis Anfang des 19. Jahrhunderts. Zeitweilig besaß dann ein Herr mit dem spannenden Namen Baron Grauvogel das Kloster. Heute gehört das Gebäude (»Cotta-Haus«) mit der Adresse Karmelitengasse zum Maria-Ward-Gymnasium. Ein anderer Teil des ehemaligen Klosters ist heute Kern der Justizvollzugsanstalt Augsburg.

Teresianische Spiritualität in Augsburg

Es gibt nicht nur ordinierte Schwestern (und Mönche), die dem spirituellen Weg der heiligen Teresa folgen. Es bestehen auch Laienorden. In Deutschland 19 Stück an der Zahl, genannt Teresianische Karmel-Gemeinschaften (TKG), früher nannte man sie sogar »Dritter Orden«. Eine TKG gibt es auch in Augsburg. Die Gruppe zählt 17 Mitglieder – oder, wie es bei den TKG heißt: Familiaren. Birgitta Finkl ist seit zehn Jahren die Leiterin (Priorin) der kleinen Gruppe, der auch zwei Männer angehören – einer davon ist Priester, nämlich Firnhaberaus Monsignore Anton Schmid.

Eine Familiarin wohnt in der Schweiz, ein fester Kern aus zehn Mitgliedern trifft sich einmal monatlich für drei Stunden im Exerzitienhaus »Zentrum Maria Ward« – passend gelegen in der Karmelitengasse 9. Hier tauscht man sich aus, übt das »innere Gebet« nach Teresa, folgt einer Leseordnung und betet die Vesper. Die Familiaren möchten sich bei ihrem Leben und Handeln in ihrem Alltag – zu Hause, in der Pfarrgemeinden, am Arbeitsplatz – von der karmelitanischen Spiritualität tragen und führen lassen.

Die jüngste Familiarin ist im Alter von 45 Jahren beigetreten, die älteste ist über 90 Jahre alt. »Ganz jung bei tritt man bei uns nicht ein«, erklärt Birgitta Finkl. Der Karmel sei kein Glaubenskurs, man müsse schon, wie Finkl es nennt, »fest im Sattel sitzen«. Es sei ein langer, fünf Jahre währender Berufungsweg, den man hier gehe. Voraus gehen ein persönliches Kennenlernen und viele Vor- und Begleitgespräche. Bei Eheleuten bedarf es des Einverständnisses des Ehepartners. Nach einer mehrjährigen Einführungszeit bekennen sich die Familiaren durch ein zunächst vorläufiges, dann aber endgültiges Versprechen (Profess) zu ihrem geistlichen Weg.

Just in diesem Monat, am Donnerstag, 16. Juli, feiert die Augsburger TKG das Hauptfest ihres Ordens: das »Hochfest Unserer Lieben Frau vom Karmel«. Die Gruppe wird auch die Finissage der Ausstellung »Gott nur genügt« mit Kaffee und Kuchen begleiten. Da das Maria-Ward-Haus zum Ende diesen Jahres schließen muss, befindet sich die Augsburger TKG auf Herbergssuche. Wer sich ernsthaft für den Laienorden interessiert, dem gibt Birgitta Finkl gerne Auskunft unter Telefon 0821 / 43 87 82 oder E-Mail birgitta.finkl@gmail.com.

a3kultur-Redakteur und Klangkünstler Martyn Schmidt komponierte die Musik der Video-Klang-Installation, die Teil der zum 500. Geburtstag von Teresa von Ávila stattfindenden Wanderausstellung »Frommes Vorbild, freie Nonne« ist. Gemeinsam mit der Sprecherin Jela Bauer nahm er die auf der Klanginstallation und Texten Teresas basierende CD »… obwohl kein Schall zu hören ist« auf.
www.des-etudes-blanches.bandcamp.com
www.martynschmidt.de

Foto: Dieser kolorierte Kupferdruck wird mit der dazugehörigen Kupferdruckplatte gezeigt. Beides stammt aus der Sammlung des deutschen Provinzialats des Teresianischen Karmel, dem Leihgeber der Ausstellung. Es zeigt Teresa, die sich von der Welt abwendet und Gott zuwendet. Der Künstler ist Ignatius Verhelst.


Ausstellung: »Gott nur genügt. Die heilige Teresa von Ávila in der Druckgrafik«

Im Grafischen Kabinett im Höhmannhaus wird aus Anlass des 500. Geburtstags der heiligen Teresa erstmals öffentlich die Sammlung von Kupferstichen und Andachtsbildern des deutschen Provinzialats des Teresianischen Karmel gezeigt. In der Ausstellung sind zahlreiche Werke namhafter Augsburger Kupferstecher des 18. Jahrhunderts zu sehen. Gezeigt werden auch kleinformatige Gouachen mit Darstellungen der heiligen Teresa. Daneben stehen bunte, massenhaft gefertigte Heiligenbildchen des 19. und 20. Jahrhunderts.

Zu sehen bis 4. Oktober im Grafischen Kabinett im Höhmannhaus, Maximilianstraße 46 Öffnungszeiten: Di – So 10 – 17 Uhr, Eintritt frei. Näheres zur Ausstellung und zum Begleitprogramm unter: www.kunstsammlungen-museen.augsburg.de und www.karmelocd.de

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