Aus der Sicht eines Essayisten

29. März 2019 - 10:39 | Iacov Grinberg

Das Jüdische Museum Augsburg-Schwaben lud zu den ersten »Desintegrationstagen«.

Als ich den Titel der Veranstaltungsreihe »Desintegrationstage« gelesen habe, war ich, gelinde gesagt, verwundert. Politiker wollen Integration fördern und manchmal auch einfordern – was soll Desintegration dabei bewirken?! Und als ich weiter las, dass eine »jüdisch-muslimische Leitkultur« als Alternative vorgeschlagen wird, wunderte ich mich noch mehr. Eine solche Kultur ist meiner Meinung nach eine Schimäre. Danach aber stand da, dass Max Czollek nicht nur ein promovierter Wissenschaftler, sondern dazu noch ein Lyriker und ein Essayist ist. Alles also in Ordnung: Essayisten beschreiben in der Regel ein Problem richtig, erkennen aber seine Wurzeln nicht und schlagen folglich auch keine realistische Lösung vor. Die Lesung aus seinem Buch am 26. März in der ehemaligen Synagoge Kriegshaber bestätigte das.

Dass die Juden in Deutschland in der deutschen Geschichte gefangen sind und eine ihnen zugeschriebene Rolle als Opfer und Versöhner einnehmen, ist richtig. Diese Rolle aber stammt nicht von Juden, sie ist ein Problem des deutschen Bewusstseins und kann nur durch einen Generationenwechsel verändert werden. Das muss man abwarten, man kann auf das kollektive Bewusstsein kaum Einfluss nehmen, um es zu beschleunigen.

Dass der Anspruch einer jüdisch-christlichen Kultur jedoch keinen Kulturtransfer auf Augenhöhe bedeutet, sondern die Machtverhältnisse abbildet, wo die überwiegende deutsche Mehrheit das Sagen hat, ist auch ohne Zweifel so. Die deutsche Gesellschaft sucht das, was ihr angenehm ist, aus. Aus dem großen Nachlass der jüdischen Kultur, zum Beispiel, hat das deutsche Publikum amüsante und lustige Klezmer-Lieder ausgewählt, viele Artisten und Gruppen singen sie. Die wirklichen Volkslieder, die nicht so lustig sind, sind dagegen kaum bekannt und werden ganz selten öffentlich dargeboten.

Dass in Europa heute ein Rechtsruck passiert und Antisemitismus sich nicht nur wieder verbreitet, sondern schon salonfähig geworden ist, das beschreibt der Autor Czollek richtig. Seine Idee eines alleuropäischen Kampfes gegen den Rechtsruck ist realistisch, ein alleuropäischer Kampf gegen Antisemitismus scheint dagegen leider kaum möglich: zu unterschiedlich sind die europäischen Länder. Polen mit tiefem traditionellen Antisemitismus ist kaum vergleichbar mit Bulgarien, wo es historisch gesehen keine Ausbreitung von Antisemitismus gab. In westlichen Ländern ist ein Marsch von SS-Veteranen wie in Estland schier unmöglich, Kollaborateure mit zweifelhafter Vergangenheit auf Piedestalen undenkbar.

Der Vorschlag des Autors, dass eine »jüdisch-muslimische Leitkultur« sich neben der »deutschen Leitkultur« in Deutschland etablieren soll, hat leider keine realistische Grundlage. Es gibt heute keine wesentliche jüdische Kultur mehr in Deutschland und man kann ihr Wiederaufleben nicht bald erwarten, es fehlen in erster Linie die Träger dieser Kultur. Die überwiegende Zahl der Menschen jüdischer Abstammung in Deutschland sind heute Einwanderer aus der Ex-UdSSR. Die ältere Generation dieser Einwanderer lebt mit ihrer russischsprachigen Kultur, ganz so wie einige mir bekannte jüdische Einwanderer aus Rumänien mit ihrer rumänischsprachigen Kultur leben. Die jüngere Generation hat in der Regel eine gute Ausbildung. Sie leben in ihrer heutigen deutschsprachigen Kultur und haben wenig Gemeinsames mit dem Judentum – man sieht, wie wenig junge Menschen sich an den Aktivitäten der Gemeinden oder G-ttesdiensten beteiligen. Vielleicht werden deren Kinder anders, aber momentan sind diese noch klein, auf eine mögliche Veränderung muss man geduldig warten. Aber sollte sie kommen, wird sie mit großer Wahrscheinlichkeit eng mit der abendländisch christlich-jüdischen Kultur verbunden sein.

Die Idee einer jüdisch-muslimischen Zusammenarbeit für eine gemeinsame »Leitkultur« scheint mir irreal. Historisch gesehen duldeten Muslime die Juden (und ihre Kultur) nur, solange Juden Menschen zweiter Klasse mit begrenzten Rechten waren, die für die Möglichkeit zu leben wesentlich mehr zahlen mussten als Muslime.

Ungeachtet des oben Gesagten kann man die »Desintegrationstage« als Erfolg betrachten. Wichtige Probleme wurden deutlich und lautstark formuliert, ihre Existenz und ihre Widersprüche wurden gezeigt. Eine lange und heftige Diskussion des äußerst zahlreichen Publikums nach der Lesung weckt die Hoffnung, dass diese Probleme von vielen durchgedacht werden und vielleicht auch irgendwann realistische Lösungen gefunden werden.

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