Aus Vergangenheit und Gegenwart

23. November 2018 - 9:24 | Bettina Kohlen

Kunst der Gegenwart zu sehen, ist wichtig und bereichernd. Aber ein Blick zurück schadet nicht, oder? Heute geht es dazu nach Augsburg, Ulm und München.

Absolvent*innen und Schüler*innen der Münchner Akademie-Professorin Karin Kneffel zeigten schon des öfteren ihre Arbeiten in der Galerie Noah. Quasi Markenzeichen ist eine Konzentration auf eine hyperrealistische Darstellung – was natürlich nicht bedeutet, dass es thematisch um Realismus geht. Eher ist das Gegenteil der Fall. Felix Rehfeld und Marina Schulze untersuchen in ihren Arbeiten der letzten zehn Jahre Möglichkeiten der Wahrnehmungen, Schulze anhand des figurativen, Rehfeld geht von Landschaftsbildern aus. Durch extreme Nahsichten und/oder medialen und raumperspektivischen Transfer, der in der Malerei kulminiert, bringen sie den Betrachter dazu, Blick und Sichtweisen aufmerksamer zu hinterfragen. Kontrastiert werden diese vielfach großformatigen Arbeiten mit den kleinen lakonischen Szenen von Alina Grasmann.

Eine Etage tiefer im H2 werden Facetten der Peggy Guggenheim (Foto) sichtbar. Der Anfang 2018 verstorbene Fotograf Stefan Moses hat zu Beginn der 1970er die legendäre Kunstsammlerin in Venedig besucht. Obwohl dem Schwarz-Weiß-Bild zugetan, setzte er hier auf Farbe – geschuldet dem Gedanken, auch Stücke aus der Sammlung in Szene zu setzen. Peggy in ihrem Garten, unterwegs in der Stadt, im Bootstaxi: allein oder mit den heißgeliebten Lhasa-Hunden. Exzentrisch, singulär, aber immer auch ein wenig melancholisch und einsam scheint sie auf den Bildern, die raumgebende Hängung in der weiten Ausstellungshalle unterstützt die bildimmanente Inszenierung. Im Kabinett gibt es noch Moses-Archivalien ohne direkten Bezug zu P.G., auf die man hier vielleicht hätte verzichten können, aber auch einen Film, in dem Moses sich erklärt, angetan mit einer der abgedrehten Sonnenbrillen, die Peggy Guggenheim getragen hat. Als bekennender Guggenheim-Fan wünscht die Autorin der Schau viele Besucher!

Gegenwartskunst im Industriegebiet bei der Autobahnauffahrt in Friedberg? Oh ja! Das Südtiroler Fensterbauunternehmen Finstral zeigt in seinem dortigen Studio Stücke aus der hochkarätigen Sammlung der Unternehmerfamilie Oberrauch. Bis zum kommenden Frühjahr sind in der schönen schalldichten Ausstellungshalle mit irritierend faszinierendem Blick auf die A8 Audio-Installationen des Künstler-Komponisten Douglas Henderson zu erleben, der in seinen skulpturalen Kompositionen die Beziehung von Klang und Bewegung untersucht. Raumdominierend im Zentrum findet sich das poetische »Babel III«, eine DNA-förmige Spirale mit Lautsprechern, aus denen während des Umrundens vielsprachig die Geschichte des Turmbaus erklingt. Sehr schlüssig auch die schwimmbad-blauen wassergefüllten »Water Speakers«, die Hendersons musikalische Komposition als hauchzart atmosphärische Geräusche wiedergeben, aber auch erstaunliche bewegte Muster auf der Wasseroberfläche produzieren.

Ebenfalls dem Kunstinteresse eines Unternehmers ist die Ulmer Kunsthalle Weishaupt zu verdanken, die regelmäßig Arbeiten aus der umfangreichen Sammlung mit dem Schwerpunkt konkrete Kunst präsentiert. Bis zum nächsten Herbst sind hier Neuzugänge zu sehen. Es dominieren naturgemäß abstrakt-geometrische Arbeiten, wie die fünfteilige raumgreifend balancierende Stahlarbeit von Bernar Venet. Doch die Schau kulminiert im großen Saal mit einer riesigen Kohlezeichnung Robert Longos, die die Flucht über das Mittelmeer thematisiert. Flankiert wird dieses sakrale Assoziationen erzeugende Triptychon durch weitere auf Kohle oder Stein basierende Arbeiten, die im Zusammenspiel von Licht, Skulptur und Malerei etwas über die einzelne Arbeit hinaus weisendes entstehen lassen. Schon wegen dieses Höhepunkts lohnt sich unbedingt ein Besuch in Ulm.

Florenz und die Kunst: Das ist eine wesentliche Beziehung mit weitreichenden Folgen für die europäische Kunst und Kultur. Florenz wurde seit der Renaissance zum Anziehungspunkt und Sehnsuchtsort zahlreicher Künstler, ein Boom, der – was man nicht vergessen sollte – weitgehend auf Aufträgen nicht eben zimperlicher regionaler Herrscherfamilien wie den Medici beruht. In der Renaissance entwickelte sich ein an der Antike orientiertes Weltbild, das sich im kolossalen Selbstbewusstsein der wichtigen Familien widerspiegelt. In der Münchner Alten Pinakothek, die ohnehin mit großartiger Kunst aufwartet, werden grandios die Entstehungsbedingungen und Prozesse der Kunst im Florenz des 15. Jahrhunderts dargelegt. Rund 120 Meisterwerke u.a. von Leonardo da Vinci, Sandro Botticelli, Antonio Pollaiuolo oder Andrea del Verrocchio sind hier versammelt, die vor Augen führen wie sich Gedanken- und Bildwelt verändern. Herausragend, unbedingt hingehen!

Für die chronologische Fortsetzung geht es ins Augsburger Schaezlerpalais, das mit einer Ausstellung barocker Florentiner Malerei aufwartet, die der Sammlung der amerikanischen Familie Haukohl entstammt und erstmals in Deutschland zu sehen ist. Gerade im Vergleich zur Münchner Schau wird deutlich, wie sich die Kunst verändert hat, wie das theatrale Moment an Bedeutung gewinnt. Eine Besonderheit ist das Bemühen, wenn kein Originalrahmen vorhanden war, eine möglichst zeitgetreue Neurahmung zu schaffen, um einen Eindruck der ursprünglichen Inszenierung zu geben. Die Exponate sind in ihrer Bedeutung und Qualität natürlich nicht mit den Bildern in München zu vergleichen, doch hängt alles ausgesprochen stimmig in den wunderbaren Raumfolgen und vermittelt ein guten Eindruck des barocken Florenz. Unbedingt genau ansehen: vier sehr schöne Tapisserien aus dem 17. Jahrhundert!

www.galerienoah.com
Felix Rehfeld & Marina Schulze: Der Wirklichkeit zu nah | bis 9. Dezember

www.kunstsammlungen-museen.augsburg.de
Im Schatten der Medici. Barocke Kunst aus Florenz | bis 20. Januar 2019
Stefan Moses – Peggy Guggenheim. Begegnungen | bis 10. März

www.pinakothek.de
Florenz und seine Maler. Von Giotto bis Leonardo da Vinci | bis 21. Januar

www.finstral.com/collection
Douglas Henderson | bis Sommer 2019

www.kunsthalle-weishaupt.de
Ausgang offen – Neues aus der Sammlung | bis 6. Oktober

 

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