Theater & Bühne

Ausgleich auf allen Ebenen

Renate Baumille...
3. Juli 2020

Thematisch und zeitlich optimal platziert, hatte Sebastian Seidels Zweipersonenstück »Barbie, schieß doch!«, das in der flotten Inszenierung von Jörg Schur mit reichlich Überzeichnung ein überambitioniertes Elternpaar mit pädagogisch fragwürdigen Konzepten »vorführt«, seine Premiere im Jahr 2011 im kulturellen Rahmenprogramm zur auch in Augsburg ausgetragenen Fußball-Weltmeisterschaft der Frauen. Die Wiederaufnahme sollte eigentlich zur Fußball-EM 2020 stattfinden – Corona vereitelte beides. Jetzt spielte auch ein wahrhaft sportlicher Wettergott mit und ermöglichte so die gelungene Eröffnung der »Sensemble-Sommerwiese« im grünen und von Vogelgezwitscher begleiteten Freiluftterrain vor rund 40 Zuschauer*innen.  

Es war wirklich »zum Schießen«! Das so unterschiedlich tickende Elternpaar Claudia (Daniela Nering) und Bernd (Florian Fisch) DRILL – natürlich gilt hier »Nomen est omen« – stürmte die Bühne bzw. die Seitenlinie und die Zuschauertribüne eines »virtuellen« Fußballplatzes mit korrektem Mund-Nasen-Schutz. Auch der gebührende Sicherheitsabstand wurde erst im gekonnt performten Slow-motion-Happyend aufgegeben, in dem sich die beiden auf der Tribüne ganz nahe kommen in ihrem so einnehmenden Gefühl, das sie für den Fußball und ganz am Rande auch für den eigenen Nachwuchs hegen. Zusätzlich zum Thermoskannen-Kaffee und den Spielzeitpausen-Wurstsemmeln hat die mit reichlich Desinfektionsspray gewappnete Claudia auch noch Masken für 5 Euro im Angebot!

Vater Bernd, der hauptberuflich die Metzgerei von Opa weiterführen muss, sieht sich viel eher in seiner hoch verantwortungsvollen Rolle als Sport-Jugendleiter und Besserwisser-Trainer, der im kurzen Rollentauschauftritt auch der sächselnden Klischee-Trainerin Silvia gehörig die Meinung geigt. Nachdem ihm die eigene Fußballkarriere versagt und nur der Knieschaden übrig blieb, setzt er jetzt alles auf das Kicker-Potenzial seiner Tochter Bärbel.

Im Spitznamen »Barbie« sieht er nur Vorteile, die Spieler-Mutti Claudia, die auch optisch zur wahren Pink-Barbie stilisiert ist, zweifelt sowohl daran als überhaupt am Sinn eines so unweiblichen Sports und würde ihre Tochter doch lieber im Ballett bewundern. Im Laufe des »alles« entscheidenden Spiels um den Aufstieg und womöglich um die Aufnahme der hochbegabten Tochter in die Jugendnational-Elf wird mächtig persönlicher (Ehe)-Frust und familiärer Dampf abgelassen. Ganz nebenbei enthüllt die Lady-Mama in Pink, die in der Begegnung mit Auswahltrainer »Horst« kokett ihre Reize spielen lässt, dass Sohn Konstantin alias Ken (vom Vater als Lackaffe bezeichnet) nicht nur überzeugter Vegetarier, sondern auch noch schwul ist und den Abend auch lieber mit Freund Roland und dem toleranten Opa als beim Grillen zu Hause verbringen will. Wie gut, dass man sich wenigstens auf die Stärke von Barbie verlassen kann, die am Ende der turbulenten Coaching-Orgie des Vaters das Siegertor zum 3:2 schießt und damit den Ausgleich auf allen Ebenen garantiert.

Das Publikum freute sich sehr über diesen lange ersehnten Theater-Wiedereinstieg im Sensemble und machte das mit intensivem Schluss-Applaus für Darsteller und Regie deutlich. Auch für Theaterleiter Sebastian Seidel war es sehr bedauerlich, dass die Auflagen die sonst übliche Premierenfeier nicht erlaubten und um Punkt 22 Uhr die Bühnen-Lichter auf der Sommerwiese erloschen waren.  

Weitere Termine auf der »Sensemble-Sommerwiese« unter:
www.sensemble.de
 

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