Ausmaß und Wirkung

7. Dezember 2016 - 8:40 | Iacov Grinberg

Die drei in Augsburg momentan laufenden Ausstellungen, »Trauma: kränkelnde Bilder« im fotodiskurs, »Trauma« im Holbeinhaus und »Not Here Yet« im H2, haben ihre eigenen Schwerpunkte.

Sie alle enthalten Fotografien und geben die Möglichkeit, zu begreifen, wie wichtig nicht nur das Motiv, sondern auch die Ausmaße der Präsentation dieses Motivs sind.

Die aktuelle Ausstellung im fotodiskurs zeigt die Folgen der Misswirtschaft in spanischen Archiven, wo viele Dokumente von Schimmel befallen sind. Die Werke verdeutlichen die Wirkung des Fraßes der Zeit auf alte Fotoabzüge. Die Aufnahmen der beschädigten Objekte sind meist extrem vergrößert, die Abdrucke sind bis zu 2,5 Meter hoch. Die Fotos bekommen eine neue bildliche Qualität, diese extreme Vergrößerung aber liefert kaum etwas Zusätzliches zum Inhalt des Abgebildeten: der Zerstörung. Der fotodiskurs lotet in der Regel die Grenzen der Fotokunst aus, diesmal war der Grenzgang jedoch ohne großen Erfolg. Extreme Vergrößerungen können die Schönheit eines Objektes auch beeinträchtigen, das wurde schon in »Gullivers Reisen« beschrieben: Das glatte Gesicht eines jungen Riesen-Mädchen aus Brobdingnag sah für Gulliver wie ein gepflügtes Feld aus.

Bei der Ausstellung »Trauma« von Saul Fletcher im Holbeinhaus gibt es unter anderem Aufnahmen von Waldstücken in Brandenburg zu sehen. Der Begleittext der Ausstellung sagt, dass diese Waldstücke fast unheimlich anmuten. Er merkt an, dass der Betrachter mitten hinein in einen dichten Wald versetzt wird, die farbigen Aufnahmen erscheinen beinahe monochrom, da nur wenig Licht dorthin dringt.

Das alles wird für den Betrachter jedoch nur deutlich, wenn er dem Fotodruck, der nur das Format einer Quart-Buchseite hat, ganz nah kommt, sodass das Bild sein ganzes Blickfeld einnimmt. Aus der Entfernung von einem Meter etwa, verschwindet der Eindruck von Unheimlichkeit. Die Abzüge erscheinen einfach nur monochrom. Um den gewünschten Eindruck beim Ausstellungsbesucher zu erwecken, sollten die Drucke wesentlich größer sein.

Ganz erfreulich ist die Auswahl der Abzugsformate und -platzierung in der Ausstellung »Not Here Yet« im H2. Sie kann fast als vorbildlich bezeichnet werden. Zwei Arbeiten von Ferit Kuyas sind fast drei Meter hoch: das sind diejenigen Aufnahmen, wo Details wichtig sind, um den Sinn des Bildes zu verdeutlichen. Auf so großen Abzügen entlaufen diese Details der Aufmerksamkeit des Betrachters nicht. Die anderen seiner Arbeiten, wo Details nicht so entscheidend sind, haben einige der für Ausstellungen üblichen Ausmaße. Die Arbeiten von Hamish Fulton sind Abzüge im Quart-Format mit einer breiten weißen Umrahmung mit erklärenden Inschriften. Sie erinnern an Buchillustrationen. Die in einer Linie platzierten Fotodrucke in verschiedenen Größen von Vitus Saloshanka (Foto), die einen provinziellen Rand der luxuriösen Kurortsstadt Sotschi darstellen, bilden eine rhythmische Sequenz.

Das beste Beispiel für eine gute Präsentation bilden die Arbeiten von Johanna Diehl, die Aufnahmen aus der Ukraine aus dem Jahr 2013 zeigen. Einige der Abzüge mit circa 60 cm Höhe zeigen, ungeachtet der sichtbaren Armut, gut gepflegte schulische Sporthallen und Aulas. Die viel größeren Abzüge stellen verfallene sakrale Gebäude dar. Das verdeutlicht den Zustand des Landes, wo kleine Leute noch Ordnung halten, sofern ihre Kräfte reichen, auf staatlicher Ebene herrscht dagegen Zerfall.

Besuchen Sie diese Ausstellungen, sie sind zweifelsohne Ihrer Aufmerksamkeit wert. Überzeugen Sie sich selbst, wie wichtig die Ausmaße von Drucken für die Wirkung der Fotografien sind.
(Iacov Grinberg)

www.kunstsammlungen-museen.augsburg.de
www.fotodiskurs.info
www.kunstverein-augsburg.de

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