Aussprache oder Sprache

8. August 2015 - 10:05 | Gino Chiellino

Für seine Kolumne »Deutsch richtig und gut« hat Gino Chiellino Begriffe gesucht, die er paarweise umschreibt, um zu zeigen, wie er sie anders versteht als seine Gesprächspartner. Der sechste Teil behandelt: Aussprache oder Sprache.

In Vladimir Nabokovs Briefwechsel mit Edmund Wilson ist Folgendes zu lesen: »Ich [V.N.] neide Ihnen [E.W.] Ihre Vertrautheit mit englischen Wörtern ganz schrecklich, wie Sie sie so durcheinanderwirbeln, dass es mir ziemlich albern erscheint, Ihnen das Gedicht zu schicken, das Sie auf einem getrennten Blatt vorfinden. Ich vergehe vor Gram, seit die Vorsitzende des Frauenvereins, wo ich meine Gedichte gelesen hatte, mir mit einem lyrischen Grinsen sagte: ›Das gebrochene Englisch hat mir am besten gefallen‹.« (13. Dezember 1942)

Nabokovs Erfahrung wird wohl kaum den heutigen Sprachwechslern erspart geblieben sein. Mir ist es mindestens zweimal so ergangen. Nach einer Lesung in einer Stadtbücherei im Umkreis von München verabschiedete sich die Leiterin mit der Mitteilung, dass Gedichte nur in der eigenen Muttersprache entstehen können. Ich gab ihr zu bedenken, dass ihre Feststellung als rassistisch missverstanden werden könnte. Sie war entsetzt und ich sah es ihr an.
Nach einer Lesung in einem Bürgerhaus, während derer ich ausnahmsweise vier italienischsprachige Gedichte von mir vorgetragen hatte, um den Zuhörern vorzuführen, wie sich Körper in Bezug auf Sprachen verändern, sprach mir der Vorsitzende eines ausländerfreundlichen Vereins seine Begeisterung für die italienischsprachigen Gedichte aus, obwohl er kein Italienisch konnte. Angesichts des Altersunterschieds tat ich, als ob ich mich über seine Begeisterung freuen würde, und fuhr mit Nabokovs Zweifel nach Hause, und dabei dachte ich an Joseph Conrad, der sich mit öffentlichen Auftritten in London sehr schwer tat.

Nabokovs Gram muss auch deswegen ärgerlich gewesen sein, weil Edmund Wilson, die damalige literarische Instanz beim »New Yorker«, ihm ein Jahr zuvor geschrieben hatte: »Es ist verblüffend, daß Sie eine so großartige englische Prosa schreiben und dabei wie kein anderer englischer Schriftsteller klingen, sondern in der Lage sind, so kunstreich und vollkommen etwas ganz Eigenes zu leisten.« (20. Oktober 1941)

Zu meinen Gedichten hat sich Erich Fried wie folgt geäußert: »Eigentlich hätte ich gar nicht geglaubt, daß es Dichter wie Gino Chiellino geben kann. Dichter, die gültige Verse in einer Sprache schreiben, sind ungemein selten. Ich habe bei Gino Chiellino Verse gefunden, die mir vertraut waren und die ich zum Teil selbst gern geschrieben hätte.« (1987)

Wenn es so ist, wie ist die Diskrepanz zwischen Lesern und Zuhörern von interkulturellen Werken zu verstehen? Ich vermute, dass die Zuhörer »ihre« Sprache durch die Aussprache der Vortragenden »verändert« hören und es ihnen daher schwerfällt, sich auf das »etwas ganz Eigenes«, das die interkulturellen Autoren leisten, einzulassen. Natürlich gibt es Hörer, die begeistert sind, weil ihnen die fremdartige Aussprache des Vortragenden »fast erotisch« (Julia Kristeva) klingt. Dagegen erzeugen die Leser die Sprache der interkulturellen Werke durch ihren eigenen Körper, d.h. durch die eigene Aussprache, und so können si sich ungestört auf das »etwas ganz Eigenes« im Werk einlassen oder auch nicht.

Wie gesagt, für Einwanderer ist es vernünftig, Deutsch richtig und gut zu lernen. Unvernünftig ist die damit verbundene Hoffnung, hinterher könne man sich mit den Staatsbürgern des Landes verstehen. In der Tat versteht man sich nicht, weil man die gleiche Sprache erzeugt und hört: Gesprächspartner verstehen sich, weil sie sich verstehen wollen und dabei keine Wörter unterschlagen.

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