Ausstellung »in progress«

25. Februar 2015 - 16:35 | Iacov Grinberg

Künstlerische Produktion wächst quantitativ unentwegt. Es wächst die Zahl der Schöpfer, und noch mehr die Zahl derjenigen, die sich als Schöpfern sehen.

Es erfüllt sich die Voraussage des russischen Dichters Wadim Schefner, der noch 1963 im „Mädchen beim Abhang“ schrieb, dass unsere glänzende Zukunft Tausende von Boni, aber auch einen Malus haben wird. Wegen der allgemeinen Schriftkundigkeit und mehr Freizeit werden Menschen immer mehr und mehr Gedichte schreiben. Es wird Menschen nicht reichen, diese Gedichte durchzulesen und zu bewerten, man wird gezwungen sein, Maschinen dafür heranzuziehen. Und es gibt immer viel weniger Poeten als Reimeschmiede.

Die Situation bei der Fotografie und den bildenden Künste ist ähnlich problematisch. Viele Menschen haben gelernt, technisch sachkundig zu fotografieren. Es gibt immer mehr diplomierte Fachkräfte für Graphik, Design, Skulptur und Malerei, dazu noch Autodidakten. Sie alle wollen ihre Werke dem Zuschauer vorführen und können selber kaum unterscheiden, ob sie eine Handwerks- oder eine Kunstarbeit geschaffen haben. Jeder Schöpfer legt in seine Arbeiten seine Seele an, dabei ist ihm die Bewertung des Zuschauers äußerst erwünscht, welche nicht obligatorisch begeistert sein muss. Den Fotografen hilft teilweise das Internet mit seinen „Likes“, wo aber können Maler und Graphiker ihre Arbeiten vorführen? Die Ausstellungsräume sind sehr knapp, und selbst wenn eine Arbeit ausgestellt wird, gibt es keine Garantie, dass eine Rückmeldung von dem Zuschauer erscheinen wird.

Vor dieser Problematik standen auch Malern Yi Luo und Qing Xia, die ihre Arbeiten in der Augsburger Galerie Süßkind zur Zeit ausstellen. Die Arbeiten sind ganz verschieden: Zeichnungen, Graphiken à la Comics, kaleidoskopische Objekte à la Maurits Escher, einige Gruppen von Fotografien, in welchen der Mittelkreis entfernt wurde und auf anderen Abdrücken, abgesondert vom Hintergrund prangt, und sogar ein offenbar mit Kopf nach unten aufgehängtes Bild im Rahmen. Um den Zuschauer zur Reaktion anzuregen, bitten die Maler die Besucher, ihre Eindrücke von Gesehenen, die Gedanken, die ihnen dabei einfielen oder einfach ihre Wünsche aufzuschreiben. Aufgrund all dessen werden die Maler wöchentlich neue Arbeiten schaffen, die ebenfalls hier ausgestellt werden — so zu sagen eine Ausstellung „in progress“.

Die erste wöchentliche Ergänzung ist schon gemacht und entpuppte sich als sehr interessant. Sie können noch bis zum 12. Mai die Arbeiten anschauen und am schöpferischen Prozess teilnehmen.
(Iacov Grinberg)

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