Eine Ausstellung als Prüfstein

17. Oktober 2019 - 16:10 | Iacov Grinberg

Dass die Schönheit im Auge des Betrachters liegt, ist bekannt. Mit der Ausstellung »modern vormodern« im Holbeinhaus habe ich ein Paradebeispiel dafür gefunden.

Beim Betrachten einer Ausstellung mache ich zusammen mit meiner Frau zuerst eine Runde, wobei wir weder auf die Titel der Arbeiten noch auf die Namen der Schöpfer achten. Im Obergeschoss stießen wir auf ein Zimmer mit dunkler Beleuchtung sowie 13 Radierungen und Drucken in jeweils einer anderen Technik. Sie waren unserer Meinung nach exzellent. Kombinationen aus geometrischen Körpern und komplexen Figuren mit Rocailles – alles wie mit Lineal und Zirkel geschaffen. Strenge scharfe und präzise Linien, deutliche Perspektiven. Wir eilten ins Erdgeschoss, um die Liste der Titel und Künstler zu holen. Es handelte sich nicht um Arbeiten eines modernen Künstlers, was wir vermuteten, sondern um Holzschnitte aus der Serie »Geometria et Perspektiva« von Lorenz Stoer, gedruckt in Augsburg 1567. Im nächten Zimmer waren Kopien von zwei seiner Aquarelle mit dem gleichem Titel zu sehen. Dazu auch Arbeiten moderner Künstler, welche teilweise auf Stoers Werke verwiesen: Eine Videoanimation und zwei Objekte von Florian Balze, fünf Arbeiten mit Acrylfarben und Kugelschreiber von Bernd Ribbeck, sechs Skulpturen und sechs Zeichnungen von Wolfgang Stehle. Die deutlich geometrischen Arbeiten von Florian Balze und Bernd Ribbeck, aber auch »Wolkenheim« und die »Pyramiden« von Wolfgang Stehle beeindruckten uns sehr. Die übrigen Werke in anderen Räumen waren gut, sie beinhalteten aber deutlich andere, eher natürliche Motive mit nicht immer scharfen Linien. Wir schätzten sie nicht so hoch wie diejenigen im Obergeschoss.

Später besuchten wir diese Ausstellung mit einem Bekannten – einem Maler und Grafiker. Erstaunlich für uns: Seine Einschätzung war ganz gegenteilig. Geometrische Elemente beeindruckten ihn nicht wirklich. Während eines langen Gesprächs mit ihm, kamen wir zu einem interessanten Gedanken.

Ich bin Mathematiker, meine Frau Maschinenbauingenieurin. Unsere Ausbildung und auch unsere Schulbildung basierte auf strenger Logik und naturwissenschaftlichen Grundlagen, da humanitäre Fächer in der ehemaligen Sowjetunion unterrepräsentiert waren. Unser kultureller Hintergrund ist von Logik geprägt. So nehmen wir gerne die Arbeiten der Renaissance wahr: Sie waren von Ratio geprägt. Nur wesentlich später, im Impressionismus, kamen breit gefächert die Gefühle in die Kunst. Moderne Kunst tendiert heute eher zu den Gefühlen als zur Ratio. Unser Bekannter, der eine humanitäre Ausbildung hat, nahm sie gerne wahr.

Vielleicht können auch Sie diese Ausstellung als Prüfstein für ihren kulturellen Hintergrund nutzen: Was fasziniert Sie mehr, Geometrie und Ratio oder Gefühle? Die Ausstellung ist noch bis zum 15. November zu bewundern.

www.kunstverein-augsburg.de

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