Ein Beitrag zur historischen Verantwortung

19. Juli 2017 - 14:10 | Bettina Kohlen

Eine Ausstellung im tim zeigt eindringlich den Aufstieg der Unternehmerfamilien Kahn und Arnold, dokumentiert Verfolgung und Entrechtung während der Nazizeit und entblößt die unzureichende »Wiedergutmachung« nach 1945.

Anhand der Geschichte der beiden Familien und ihrer Unternehmen erzählt die Kabinettausstellung vom gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Aufstieg der Baumwollhändler zu bedeutenden Textilindustriellen seit dem Ende des 19. Jahrhunderts. Während des Nationalsozialismus wurden die Familienmitglieder wegen ihrer jüdischen Herkunft, die für ihre persönliche Identität bislang nicht entscheidend gewesen war, verfolgt, entrechtet, enteignet. Ihre Unternehmen wurden »arisiert«, ihr persönlicher Besitz geraubt, sie selbst wurden, sofern ihnen nicht rechtzeitig die Flucht gelang, deportiert und ermordet. Diese Einzelschicksale der Familien Kahn und Arnold, die exemplarisch für die von Millionen jüdischer Bürger in Europa stehen, werden in der Ausstellung anhand persönlicher Objekte, die Familienmitglieder auf die Flucht mitnehmen konnten, und zahlreicher Dokumente fokussiert. Das perfide System funktionierte mithilfe von Verträgen, Rechnungen, Anordnungen, amtlichen Schreiben oder Auflistungen - die Brutalität kostümierte sich als bürokratische Rechtmäßigkeit. Genau diese »amtlichen« Dokumente dienten nach 1945 als Rechtfertigung und Behinderung einer ausreichenden »Wiedergutmachung«. Die Profiteure der Nazizeit waren durch Verträge geschützt und sorgten so für Kontinuität, die Familien Kahn und Arnold wurden nur unzureichend entschädigt. Auch das ist exemplarisch. Man nehme sich also Zeit für die Ausstellung, um hinzusehen, um die Dokumente zu lesen, Tonbeispiele zu hören, um zu begreifen. Es ist wichtig.

»Kahn & Arnold. Aufstieg, Verfolgung und Emigration zweier Augsburger Unternehmerfamilien im 20. Jahrhundert«: Bis 26. November im Staatlichen Textil- und Industriemuseum Augsburg.

www.timbayern.de

Foto: Spinnerei und Weberei am Sparrenlech Kahn & Arnold, Anfang des 20. Jahrhunderts (Foto: tim)

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