Der Betrieb ist offener geworden

12. August 2015 - 9:05 | Jürgen Kannler

Sebastian Knauer, künstlerischer Leiter des Festivals mozart@augsburg im Gespräch mit Jürgen Kannler

a3kultur: Herr Knauer, mit Ihrem Klassikfestival mozart@augsburg gehen Sie nun in die vierte Runde. Was meinen Sie, welche Spuren haben Sie mittlerweile in der Klassikwelt unserer Region hinterlassen?

Sebastian Knauer: Der wichtigste Punkt ist wohl, dass wir es in den vergangenen Jahren geschafft haben, einen beachtlichen Stamm an Klassikliebhabern zu erreichen, die zu treuen mozart@augsburg-Fans geworden sind. Sie sind letztendlich das Rückgrat eines solchen Festivals. Sie kaufen die Tickets und sie gehen in die Konzerte. Damit vermittelt sie auch allen anderen Menschen, die hier leben, bei Mozart ist was los, da muss ich auch mal hin.

Ihre Art, ein Klassikfestival zu inszenieren, mit etwas Glamour, rotem Teppich und einer Prise Chichi, kommt in Augsburg gut an und wird von anderen Festivalmachern in Teilen gerne aufgenommen. Freut Sie das?

Es gibt wohl ein paar Kleinigkeiten, die jetzt auch anderswo zu sehen sind und die es in Augsburg erst seit mozart@augsburg gibt. Ich bin da aber ganz offen und meine, dass man sich schon mal etwas von den Kollegen inspirieren lassen kann. Das lässt sich doch gar nicht vermeiden, wenn man mit offenen Augen durch die Welt geht. Zum Problem wird es nur, wenn man dadurch zu einer Kopie wird. Das wäre ein Zeichen von Ideenmangel und würde dann letztendlich auch nichts bringen. Aber das Problem sehe ich in Augsburg nicht.

In Ihrem neuen Programm zeigen Sie, was mozart@augsburg alles sein kann. Das Spektrum reicht von den Bamberger Symphonikern bis zur Klassik-Comedy und unterscheidet sich inhaltlich deutlich von den drei Vorgängerjahren. Sie sprachen gerade von den Klassikliebhabern, die Ihren Weg in dieser Zeit mitgingen. Was meinen Sie, wird diese Klientel dem Festival mit dieser Bandbreite treu bleiben? Was sagen die Vorverkaufszahlen?

Mit zwei Veranstaltungen gehe ich tatsächlich ein bisschen weg vom rein klassischen Konzertgeschehen. Aber auch in diesen Bereichen haben wir natürlich nur die besten Künstler im Programm. Beim Vorverkauf liegen wir im Übrigen so gut wie im Vorjahr. Ein gutes Drittel der Karten ist schon weg. Natürlich wäre da noch etwas Luft nach oben. Doch es ist ein bekanntes Phänomen, dass sich die Leute beim Kartenkauf immer später entscheiden. Der August ist der Monat der Wahrheit. Da startet der Vorverkauf richtig, und ich bin guter Dinge.

Zeitlich wäre es für den Musikfan kein Problem, das ganze Festival mitzunehmen. Neun Termine an zwanzig Tagen kann man machen. Hat die Taktung nicht etwas zu viel Luft?

Das habe ich bewusst so eingeplant, weil ich gemerkt habe, dass unser Programm die letzten Jahre eben etwas zu eng getaktet war. Ich glaube, in der ersten Woche war jeweils an sechs Abenden hintereinander etwas geboten. Das zeigte schon Wirkung. Ich bekomme ja auch ehrliche Rückmeldungen, beispielsweise vom Förderverein und von anderen treuen Konzertbesuchern. Da hört man dann, Herr Knauer, Sie machen es mir wirklich schwer, ich weiß nicht, auf welches Konzert ich verzichten soll, ich brauche auch mal ein paar Tage Pause. Das ist Bestätigung und Kompliment in einem, aber vor allem auch eine klare Ansage. Deswegen habe ich das Programm in diesem Jahr bewusst gestreckt, damit jeder die Chance hat, ganz in Ruhe entweder alles anzuhören oder speziell nach seinen Vorlieben das Passende auszusuchen.

Wagen wir nun einen Sprung mitten ins Programm. Ihr Freund und Kollege Daniel Hope ist dieses Jahr mit einem extrem spannenden Thema am Start. Es geht um »Vivaldi Recomposed« von Max Richter. Ich habe vor nicht allzu langer Zeit in Belgrad ein Konzert mit diesem Stück gesehen. Und nun raten Sie mal, wo: im Nachtprogramm eines Musik-Fernsehsenders, dessen Zielgruppe eigentlich 15- bis 25-Jährige sind. Da hat es mich auch nicht verwundert, dass DJ Koze in der Süddeutschen vom 11. Juli den »Sommer« in der Neukomposition von Richter in seine Hitliste für die heiße Jahreszeit in seine Hitliste aufnahm. Was meinen Sie, hat der traditionelle Klassikbetrieb eigentlich immer noch zu viel Respekt vor solchen Experimenten?

Ich glaube, da passiert gerade ziemlich viel. Ich weiß speziell von diesem Projekt, also Vivaldis »Vier Jahreszeiten« in der Originalversion in Kombination mit einer neu komponierten Fassung von Max Richter, dass es unglaublich viel Erfolg hat. Und zwar sowohl beim Veranstalter als auch beim Publikum. Daniel war vor ein paar Tagen in der Frauenkirche in Dresden, da standen die Leute nach dem Konzert auf den Kirchenbänken. Ich garantiere jedem, der dieses Konzert besucht, ein phänomenales Zusammenspiel zwischen dem Original und der neuen Version, und zwar ohne die geringste Schwankung im Niveau. Durch den Erfolg solcher Projekte merke ich schon, dass der Betrieb an sich offener geworden und zunehmend bereit ist, derartige Formate anzunehmen.

Einen anderen Abend widmen Sie komplett der Familie Bach. Carl Philipp Emanuel ist ja quasi ein Hamburger Landsmann von Ihnen. Welche Spuren hat dieser Bach in Ihrer Heimatstadt hinterlassen?

Er hat bei uns leider nicht so viel Bedeutung wie beispielsweise Brahms. Es ist durchaus vielen Leuten bewusst, dass Carl Philipp Emanuel Bach in Hamburg eine wichtige Wirkungsstätte hatte, aber er ist mit seinem Werk dort leider trotzdem nicht so richtig präsent.

Haben Sie einen speziellen Zugang zu seiner Musik?

Auf jeden Fall, ich habe selber viel Carl Philipp Emanuel Bach gespielt und auch aufgenommen. Das mache ich auch im kommenden Jahr wieder. Es ist wirklich eine großartige, spannende Musik, die viel zu selten gespielt wird. Deswegen ist es mir auch immer wieder eine große Freude, diesen Komponisten auf die Liste zu setzen, wenn ich selbst ein Programme mache.

Hören Sie bei seiner Musik irgend etwas Hamburgspezifisches heraus? Handelsstadt, die Nähe zum Meer?

Das würde ich nicht unbedingt sagen. Ich finde es generell schwierig, einen Komponisten so eng mit einer Stadt in Verbindung zu bringen. Bei Mozart hört man ja auch nicht unbedingt Augsburg heraus.

Das ist richtig, aber man verbindet ihn hoffentlich immer mehr damit. Zumal den Herrn Papa, 2019 wird sein 200. Geburtstag gefeiert. Haben Sie als künstlerischer Leiter von mozart@augsburg den Termin schon auf der Rechnung? Das Thema Leopold Mozart muss man ja vermutlich etwas länger vorbereiten, schließlich gehört es nicht zum Standardrepertoire.

Richtig, wobei 2019 tatsächlich noch sehr weit weg ist. So lange im Voraus plane ich im Moment nicht. Aber ich habe das Thema im Hinterkopf.

Die Bamberger Symphoniker kommen nach rund 25 Jahren für mozart@augsburg wieder einmal in unsere Region und werden das Abschlusskonzert spielen. Wie stark wird die Besetzung am 18. September im Kongress am Park sein?

Ich rechne mit knapp 60 Musikern, was das Repertoire eben fordert. Die Bamberger kommen für Beethoven, Mendelssohn und Mozart natürlich nicht mit 50 ersten Geigen, aber sie kommen mit einem großen Ensemble. Immerhin sind sie das größte Tourorchester Deutschlands.

In welchem Verhältnis stehen diese drei Komponisten für Sie?

Es gab tatsächlich ein Konzert von Mendelssohn Bartholdy, bei dem er, ebenso wie wir, Beethoven und seine eigene Schottische Symphonie zur Aufführung brachte. Die Mozart-Ouvertüre, wie sie bei uns im Programm steht, war damals allerdings nicht dabei. Wir konnten beim dritten Stück zwischen Mozart und Wagner wählen, der mir für diesen Anlass dann doch etwas zu »kalt« war.

Gemeinsam mit Katja Riemann werden Sie beim Festival einen Abend unter dem Motto »American Dreams« im Cinemaxx gestalten. Er ist George Gershwin gewidmet. Bei einem Blick auf Ihren Tourkalender fällt auf, dass dieser Komponist bei kaum einem Ihrer Konzerte in den USA und Asien fehlt.

Das stimmt, ich war kürzlich in Peking, habe da einen Abend im großen Saal der chinesischen Nationaloper nur Gershwin gespielt und dafür tatsächlich über zweitausend Karten verkauft. Als Zugabe gab ich die »Rhapsody in Blue« und es hat das Publikum und mich selber wieder genauso gepackt wie schon so oft vorher. Ich liebe dieses Stück und ich liebe Gershwin. Das ist großartige Musik, die, ohne jemals bemüht zu wirken, die Grenzen zwischen Klassik, Jazz und Unterhaltungsmusik auflöst.

Herr Knauer, vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg mit der vierten Auflage von mozart@augsburg.

 

Alle Termine des Festivals mozart@augsburg im Überblick: 28.08. Ev. St. Ulrichskirche – Mozarteröffnungsgala 19:30 | 30.08. Ev. St. Ulrichskirche – Vivaldi Recomposed 19:00 | 05.09. Rokokosaal der Regierung von Schwaben – Rising Stars 18:00 | 06.09. Kleiner Goldener Saal – Große Streichquartette 19:00 | 08.09. Cinemaxx – American Dream 20:00 | 12.09. Ev. St. Ulrichkirche – Orchestre de Chambre de Paris 19:00 | 13.09. Moritzkirche – Voices of Gold 19:30 | 15.09. Porsche Zentrum Augsburg – A little Nightmare Music 20:00| 18.09. Kongress am Park – Symphonisches Abschlusskonzert 20:00

 

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