Bild und Betrachter

Hans-Christian Schink_1h_bilder fragen im H2 Augsburg_2017
6. Oktober 2017 - 8:49 | Bettina Kohlen

Die aktuelle Ausstellung im H2 setzt sich mit der Bedeutung von Bildern und der Beziehung zu ihren Rezipienten auseinander.

Schnell wird dem Besucher klar, dass er sich hier ohne Netz auf das Thema »bilder fragen« einlassen wird, denn abgesehen von den Namen der vierzehn Künstler gibt es keine weiterführenden Hinweise zu den gezeigten Arbeiten. Sehr konsequent verlassen die Kuratoren sich auf die Fähigkeit der Bilder, in diesem Falle vor allem Fotografien, mit dem Betrachter in einen Dialog zu treten. Das Lesen führt so zu einer individuellen Geschichte und Deutung.

Die großformatigen Schwarz-Weiß-Fotografien von Hans-Christian Schink zeigen entrückte seltsam einsame Gegenden, nur über den Himmel zieht sich ein irritierender dunkler Balken. Ist das ein Ding aus dem All? Eine Montage? Nein, es ist die Spur der Sonne, die Schink durch Langzeitbelichtung sichtbar macht. Es wird deutlich, wie wenig ein Foto die Realität abbildet. Oder aber: wie genau es sie abbildet? Crass Clement zeigt, ebenfalls großformatig und in schwarzweiß, Menschen, die zunächst nicht zu verorten sind. Wir blicken in ihre unbewegten Gesichter, doch ist ihr Blick in die Kamera gerichtet oder auf etwas anderes? Sehen sie uns an, oder an uns vorbei? Auch hier klärt sich die tatsächliche Situation nicht aus sich selbst heraus. Das Bedürfnis, Eindeutigkeit zu schaffen, wird nicht gestillt (wenn man darauf verzichtet, sich weitere Information zu beschaffen). Einen Abgesang den auf den Film als Bildträger vermittelt Tacita Dean mit ihrer Filmarbeit. Auf den letzten Rollen eines Kodak-Films hält sie in losgelösten Sequenzen das Geschehen in einer scheinbar menschenleeren Kodak-Fabrik kurz vor deren Ende fest. Und wir sitzen da, sehen diese Bilder in ihrer typischen Farbigkeit und lauschen dem Rattern des Projektors… Dass die Bilder auch untereinander in Beziehung treten, erweist sich bei den zunächst ähnlich scheinenden Arbeiten von Maximilian Prüfer und Emmet Gowin: Auf runden Flächen erscheinen zarte Spuren. Der irritierende Unterschied liegt im jeweiligen Maßstab des Gezeigten. Prüfer hat die Spuren von Ameisen festgehalten und Gowin Luftaufnahmen von Feldern gemacht. Gowins Sujet ist relativ leicht zu identifizieren, bei Prüfer tut man sich ohne Hintergrundwissen schon schwerer… Ein wesentlicher Aspekt des Bildes ist, auch im konkreten Sinne, das Selbstbild. Vor allem, wenn es kein Abbild, sondern ein Spiegelbild ist. Blickt man jedoch in Burkard Blümleins Wandspiegel, sieht man: nichts. Die matte Oberfläche verweigert sich der visuellen Reflexion, nicht aber der geistigen.

So bleibt am Ende die Frage, wieviel Zusatzwissen nötig oder wichtig ist, um Bilder zu verstehen. Doch was erklärt ein Bild aus sich selbst heraus? Und wie beeinflussen die Bilder in unserem Kopf, das was wir erkennen? Eine lohnende Ausstellung, die dazu einlädt, nicht nur mit den Bildern zu interagieren, sondern auch Fragen an sich selbst zu stellen.

»bilder fragen« im H2 – Zentrum für Gegenwartskunst: bis 18. Februar 2018, Führungen sonntags um 11 Uhr

www.kunstsammlungen-museen.augsburg.de

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