Bilder-Objekte in ungewöhnlicher Technik

29. Dezember 2014 - 11:40 | Iacov Grinberg

Die neue Ausstellung „Glas – Steine - Scherben“ in der Galerie UNIKAT (Auf dem Kreuz 20) zeigt Arbeiten von Ulli Nerdinger.

Einige von diesen Arbeiten sind leicht zuzuordnen, wie ein Kopf aus Keramiksteinchen oder zwei kopfähnliche Gebilde aus farbigen Glasscherben. Hauptteil der Ausstellung bilden aber die Arbeiten, die der Künstler selbst „Bilder-Objekte“ nennt. Sie sind in einer neuen, von ihm erfundenen und entwickelten Technik geschaffen.

Der Künstler hat neue Wege des künstlerischen Ausdrucks schon 1986 mit Glasscherben zu suchen begonnen. Ein paar Arbeiten in dieser Technik sind auch auf dieser Ausstellung präsent und zeigen eine fließende Veränderung der Färbung von Glas auf der Bildoberfläche zusammen mit einigen auf dem Glas aufgelegten Drahtfiguren. Danach hat er mit Glasscherben und Drähten in Verbindung mit anderen Materialien begonnen zu experimentieren.

Der Hauptteil der Arbeiten sieht auf ersten Blick als Arbeiten auf Papier aus. In ihm sind Drähte geprägt, auf seiner Oberfläche und manchmal unter ihr sind Glasstückchen sichtbar. In einigen Arbeiten sind zwei oder drei solchen Oberflächen sichtbar. Das Material ist aber kein Papier, das ist Gips.

Der Künstler legt auf dem Boden einer Form entsprechend seiner Skizze Drähte und Glasscherben und übergießt sie mit flüssiger Gipsmasse. Nach dem Erhärten des Gipses wird die Form ungekippt und oben erscheint eine glatte Oberfläche, der Rohling der Arbeit. Im Weiteren benutzt der Künstler Schleifpapier und eine harte Nadel, mit welchen er die gewünschte Gestalt aus der Gefangenschaft im Gips befreit. Scherben und Drähte platziert er dabei nicht, wie es für die Gestalt gewünscht ist, sondern in Spiegelordnung, wie bei Hinterglasmalerei.

Eine Schwierigkeit lauert in der Gipsmasse. Ist sie zu flüssig, schwemmt sie Drähte und Scherben von ihren Plätzen. Ist sie zu zähflüssig, bekommt man nicht die glatte Oberfläche des Rohlings. Eine andere Schwierigkeit besteht darin, dass Drähte und Scherben nach dem Übergießen oft nicht an der Oberfläche des Rohlings, sondern irgendwo in der Masse verborgen sind. Man muss sie erst finden, um sie mittels Schleifpapier und Nadel sichtbar zu machen. Dafür macht der Künstler die Gipsoberfläche, wo er Scherben oder Drähte vermutet, ein bisschen feucht, und sie leuchten da schwach durch die Masse. Nach dem wiederholten Trocknen der Masse kann er sie „befreien“.

Diese Technik ist sehr zeit- und arbeitsaufwendig, braucht viel Fingerspitzengefühl. Obwohl es viel Ausschuss gibt, sagt der Künstler, dass es ihm großen Spaß macht, der Schaffensprozess ist für ihn wie eine Meditation. Und dies erlaubt es, eindrucksvolle Gestalten zu schaffen.

Die Ausstellung war mir ein großes ästhetisches Vergnügen. Und meine langjährige patentanwaltliche Erfahrung flüsterte mir beharrlich ins Ohr, dass es hier nicht um einfach irgendeine Erfindung, sondern wahrscheinlich um eine weltneue Erfindung geht. Ein weltneues Wort in der Kunst kann somit auch in Augsburg ausgesprochen werden.
(Iacov Grinberg)

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