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16. Dezember 2015 - 16:13 | Jürgen Kannler

Zeitgleich präsentieren sich an vier Kulturorten in Schwaben Künstler in Gruppenausstellungen. Ein Kommentar von Jürgen Kannler

Im Rahmen der 67. Großen Schwäbischen Kunstausstellung zeigt der BBK noch bis zum 10. Januar im H2 und im Schaezlerpalais Arbeiten von 60 Künstlern aus der Region. Nicht alle davon sind Mitglieder in diesem Berufsverband für bildende Künstler. So wie Kerstin Skringer. Für ihre Arbeit »Stem« erhielt sie den mit 2.000 Euro dotierten Kunstpreis, der im Rahmen der Vernissage am 28. November verliehen wurde.

Doch zurück zur Ausstellung. Wenn man so will, dann ist die Große Schwäbische einer der wenigen Profiteure im Augsburger Römerdrama. Weil die eigentliche Heimstätte des Museums marode wie nach einem Angriff der Alemannen ist, präsentiert sich die Römerstadt seit dem Sommer mit einer durchaus gelungenen Schau behelfsmäßig in der Toskanischen Säulenhalle. Die Große Schwäbische musste aufgrund dieses Umzugs schon 2014 dem Römerprojekt ausweichen und vom Zeughaus in die beiden Kulturorte der Kunstsammlungen und Museen Augsburg wechseln. Sie hat mit dem Ortswechsel gewonnen, wie sich nun auch im zweiten Jahr zeigt.

In der zweiten Etage des Schaezlerpalais präsentieren sich die knapp 70 ausgewählten Arbeiten so selbstverständlich, als ob sie für diese farbenprächtige Flucht aus Gang, Salons und Separees gesammelt wurden. Bei diesem Aufbau haben die BBK-Organisatoren Anita Braxmeier, Josef Zankl und Norbert Kiening ganze Arbeit geleistet. Im Rahmen einer Presseführung verwiesen sie auf Bedeutung und praktischen Nutzen dieser Traditionsausstellung für die beteiligten Künstler. So ist die Große Schwäbische nicht nur die größte Verkaufsausstellung der Region, sondern auch Anlass für Ankaufskomitees bedeutender Sammlungen, Augsburg anzusteuern. Ein Umstand, der gerade in einer Stadt ohne eigene Ankaufspolitik von Bedeutung ist.

Auch das Tandem BBK und Kunstsammlungen scheint immer besser in Tritt zu kommen. Die Tatsache, dass im Schaezlerpalais und im H2 die Arbeiten zur Großen Schwäbischen ausgepreist sind wie in einer Verkaufsgalerie, genießt in den Räumen der Kunstsammlungen und Museen absoluten Sonderstatus. Warum sich der BBK allerdings nicht darauf festlegen möchte, seine wichtigste Schau des Jahres komplett im H2, dem Zentrum für Gegenwartskunst in der Region, zu präsentieren, ist nicht nachvollziehbar. Zumal auch die Menge der Bewerbungen für die Bespielung eines der drei Kabinette im H2 ein deutliches Votum der Künstler für diesen Kulturort ist. Allein 20 zum Teil recht komplexe Rauminstallationskonzepte wurden für diesen Bereich eingereicht. Würde diese Quote allgemein für die Große Schwäbische gelten – was aber nicht der Fall war –, hätte sich die Jury mit mehr als 400 Einsendungen beschäftigen müssen.

Es wäre überhaupt an der Zeit, sich über eine mögliche Neuausrichtung der Großen Schwäbischen Gedanken zu machen. In diese Art von Planspielen sollten unbedingt auch die Macher der fast zeitgleich stattfindenden Gruppenausstellungen in Marktoberdorf und in Donauwörth einbezogen werden. Alle drei Schauen sehen sich als Forum regionaler Künstler, loben Kunstpreise aus und haben sich durch die Qualität ihrer Präsentationen einen guten Ruf erarbeitet. Dies verwundert kaum, zumal zahlreiche Künstler immer wieder in allen drei Ausstellungen, oft auch zeitgleich, vertreten sind. Auch hinter den Kulissen, beispielsweise in den Jurys, gibt es engen Kontakt zwischen der 35. Großen Nordschwäbischen Kunstausstellung im Donauwörther Zeughaus, der 37. Ostallgäuer Kunstausstellung im Künstlerhaus Marktoberdorf und der 67. Großen Schwäbischen Kunstausstellung in Augsburg.

Nicht nur angesichts dieser Überschneidungen drängt sich da manch einem die Frage auf, ob unsere Region, wie sie sich zum Beispiel im Bezirk Schwaben abbildet, nicht irgendwann für alle Beteiligten noch bessere Ergebnisse erzielen könnte, wenn die jeweiligen Organisatoren ihre jährliche Gruppenausstellung in engerer Kooperation und Abstimmung mit den Nachbarn angehen würden. Vielleicht sogar mit einem gemeinsamen Basiskonzept und unter einem Label. Zum Pulsgeber für den entscheidenden Schritt könnte der Schirmherr der Großen Schwäbischen 2015 werden. Er heißt Jürgen Reichert, ist der schwäbische Bezirkstagspräsident und hat mehr als einmal Engagement, Weitsicht und Teamfähigkeit in Sachen Kultur bewiesen.

Foto: Elisabeth Baders Arbeit »Stamm« aus Stoff, Tusche und Pigment ist eine von 79 Kunstwerken die noch bis zum 3. Januar im wunderbaren Künstlerhaus in Marktoberdorf zu sehen sind. Ihre in der oberen Etage aufgebaute Skulptur verweist quer durch die Räume hin zu Daniela Kammerers Beitrag »Vade me cum« und kreuzt dabei die Sichtachse zu Ulrich Bergers »magic wall« aus Multiplex, Acryl und UV-Licht.  Den mit 3.000 € dotierten Johann-Georg-Fischer-Kunstpreis der Stadt gewann Sabine Effinger, der Sonderpreis der Franz Schmid-Stiftung in Höhe von 2.500 € ging in diesem Jahr an Guido Weggenmann und Christof Rehm ist der Preisträger des mit 2.000 € honorierten Familie-Paul Breitkopf-Preises.  

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