Blickwechsel

augsburg contemporary_various_2020
2. März 2020 - 9:26 | Bettina Kohlen

Diesen Monat bleiben wir in Augsburg: Leben in der Kleinstadt, Lagerfeld in der Großstadt oder die Tiefen des Raumes … Das Wechseln der Perspektive hält wach – genau richtig im Frühling. Ein Kunstrundgang

Kleinstadt und Hinterland – unspektakuläre Orte außerhalb der großen Städte bieten weder urbane Sehenswürdigkeiten noch grandiose Landschaften, hier herrscht das normal-provinzielle Leben, da passiert nicht viel, die Dinge sind geordnet, mit Überraschungen ist nicht zu rechnen. Ute und Werner Mahler, Mitbegründer der Fotoagentur »Ostkreuz« haben sich in ihren schwarz-weiß-Fotografien der nicht näher verorteten »Kleinstadt« genähert, sie zeigen das Akkurate, gewähren einen Blick in die Öden des Lebens zwischen säuberlichen Hecken und Zäunen. Manche Bilder porträtieren junge Menschen, sie schauen direkt in die Kamera, mal offen, mal misstrauisch, aber wohl verbunden mit ihrem Lebensraum. Am stärksten wirkt eine Ablichtung einer Bushaltestelle: weit und breit kein Mensch zu sehen, nur eine Reihe Rucksäcke verweist auf das Leben in der Provinz. Mahler und Mahler konzentrieren sich auf das Typische und rufen so eine unwillkürliche Vertrautheit, eine Gewissheit des hier und anderswo hervor.

Hans-Christian Schlink widmet sich dem »Hinterland«. Seine farbigen Landschaftsaufnahmen gewähren einen weiten Blick in – farblich und und auch sonst – kontrastarme Gegenden, die überall im Land sein könnten. Auch hier schafft die Nichtverortung die Brücke. Daniel Blochwitz, Leiter der »photo basel«, hat im Höhmannhaus eine überzeugende ruhige Ausstellung zur Frage der Auseinandersetzung mit Heimat zusammengestellt.

Kein schöner Land | Neue Galerie im Höhmannhaus | bis 15. März
www.kunstsammlungen-museen.augsburg.de


Der Modedesigner Karl Lagerfeld hat sich über Jahre hinweg zur einprägsamen Kunstfigur, ja sogar Karikatur seiner selbst gestaltet. Vor einem Jahr ist er mit 85 Jahren gestorben. Termingerecht werden im tim Porträtfotografien ausgestellt, die Daniel Biskup 2002 in Berlin aufgenommen hat. Biskup war dort, um Lagerfeld für die »Welt« abzulichten. Doch er wollte mehr als dies und wagte es, den Designer, der zur Eröffnung einer Ausstellung seiner eigenen Fotografien in der Stadt weilte, einfach zu fragen, ob er zu einer Extra-Fotosession bereit wäre. Lagerfeld, immer neugierig und interessiert am Spontanen und Ungewöhnlichen, sagte zu und so zog Biskup mit dem Designer und dessen Entourage (plus einer Kiste Pepsi) zum U-Bahnhof Rosenthaler Platz, der sich unter anderem durch hübsch-hässliche orangefarbene Wandfliesen auszeichnet. Rund 30 Aufnahmen aus dieser dort entstandenen Serie sind jetzt im Foyer des tim und im dortigen Restaurant nunó zu sehen. Lagerfeld, Posing-Profi, wirkt in seinem silbern schimmernden Jackett in diesem prosaischen abgerockten Umfeld zugleich exotisch und zu Hause und passt so perfekt in das Berlin dieser Jahre. Die spontanen Farbfotos dieses Abends werden mit den geplanten schwarzweiß-Aufnahmen des nächsten Tages kombiniert, die einen ernsten intellektuell seriösen Lagerfeld zeigen. Der Reiz dieser Bilder erschließt sich aus dem Subtext, er beruht auf dem Zusammenspiel der Selbstinszenierung Lagerfelds, dem Können des Charmebolzens Biskup mit seinem untrüglichen Blick für das Wesentliche und vor allem dem breiten öffentlichen Interesse an Lagerfeld oder vielmehr der Kunstfigur »Karl«. Das konzenrtierte Ausstellungsprojekt umfasst neben der Schau im tim eine weitere im Berliner Hotel de Rome; Biskups Fotografien sind darüber hinaus in einem Bildband (25 Euro) im Verlag Salz und Silber erschienen.

Karl Lagerfeld in Berlin by Daniel Biskup | tim | bis 30. September
www.timbayern.de


Die Bergstraße in Göggingen verfügt über den gewissen Charme des Unspektakulären: Häuser vom Beginn des 20. Jahrhunderts, einen allseits beliebten Biergarten, Friseursalons und einen leicht schrägen Gemischtwarenladen. Dort haben sich zwei Kunsträume etabliert, die frau/man/divers unbedingt im Fokus haben sollte. augsburg contemporary, der gemeinschaftlich von den Galerist*innen Claudia Weil und Andreas Stucken bespielte Kunstschauladen, bietet regelmäßig einen neuen Einblick in das Portfolio der von ihnen vertretenen Künstler*innen. Der kleine Raum mit der großen Fensterfront erfordert eine kluge Konzentration auf wenige Arbeiten, die miteinander funktionieren, aber auch der jeweilige Eigenart entgegenkommen.

Gabriele Schade-Hasenbergs Malerei entwickelt sich langsam, unzählige dünne farbige Lasuren werden sorgsam übereinander gelegt, so dass am Ende ein nicht-nur-monochromer tiefgründiger und leuchtender Farbraum entsteht. Für Künstler*in und Betrachter*in gilt gleichermaßen: der Weg ist das Ziel … Fotograf Thomas Wunschs quadratische Arbeiten irritieren, da sie – auf Leinwand geprintet – sehr malerisch anmuten und zugleich in ihrer graudunklen Unbestimmtheit interpretationsoffen zur Auseinandersetzung einladen. Oliver Raszewski beginnt seine Arbeit mit der digitalen Planung, er entwickelt ein komplexes ausbalanciertes Farbfeldsystem, das als Print, der wie klassische Malerei auf einen Keilrahmen gezogen ist, präsentiert wird. Der*die Betrachter*in begibt sich, kulturell konditioniert, auf die Suche nach Bildern und Mustern, ohne jedoch zum Ziel zu gelangen. Die Arbeit von Daniel Göttin schließlich erweist sich als die reduzierteste und zugleich sprödeste. Göttin setzt sich intensiv mit der Beziehung von Raum und Fläche auseinander – der Künstler schafft auch große Rauminstallationen, bei denen er mit Klebeband linear in das dreidimensionale System eingreift. Hier ist er mit einer kleinen präzisen Arbeit aus Aluminiumstreifen vertreten, die mit weißen Farbabtragungen schlicht und schlüssig die Frage nach Raum und Fläche aufwirft, eine starke reflektierte visuelle und gedankliche Überlegung zu Zeichnung und/oder Skulptur.

various | augsburg contemporary | bis 21. März
www.augsburg-contemporary.de


Schräg gegenüber, im Projektraum fotodiskurs, gibt es ab dem 8. März wieder eine künstlerische Paarung, die einen spannungsvollen Diskurs befeuern könnte: Christof Rehm stellt seine fotografische Arbeit der Malerei von Werner Knaupp gegenüber.

Werner Knaupp und Christof Rehm: furor | fotodiskurs | 8. bis 29. März
www.fotodiskurs.info


Foto: Blick in die Ausstellung various des Galerieprojektes augsburg contemporary

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