Blinken, wenn die Pointe sitzt

3. Juli 2020 - 9:34 | Marion Buk-Kluger

Kabarett und Comedy auf der Messeflimmern-Autokinobühne – Lacherlebnisse fast wie vor der Corona-Zwangspause. Quergelacht – die a3kultur-Kabarettkolumne

Ich habe es ausprobiert: den Auftritt eines Comedians im Autokino besucht. Und vorneweg, ja es ist die momentan beste Alternative, um seinen jeweiligen Favoriten mal wieder überhaupt erleben zu können. Beim Besuch von Sebastian Reich und seinem Nilpferd Amanda war ich also vor Ort beim Augsburger Messeflimmern, um nach meinem Autokino-Selbsttest mit Kinofilm nun auch einen Live-Auftritt zu testen. Und so wie bei Veranstaltungen in den Hallen und auf Bühnen mit freier Platzwahl sitzt/steht eben der in der ersten Reihe, der am ehesten kommt, um den direkten Blick auf den/die Künstler*in zu haben. Doch auch hier gilt: keine Sorge, denn der/die Akteur*in wird über zwei Großleinwände übertragen. Alle sehen also, egal in welcher Autoreihe, das Geschehen und der Ton kommt sowieso via Autoradio und UKW-Frequenz direkt ins Fahrzeug. Was außerdem den Verzicht auf kollektives Lachen zumindest etwas schmälert, ist das gleichzeitige Betätigen der Blinker respektive Warnblinker, wenn die Pointe sitzt.

Fünf Gelegenheiten, dies zu tun, gibt es beim Messeflimmern im Juli. Am ersten Wochenende steht der Sprachwitz im Vordergrund. Heinrich Del Core präsentiert am 3. Juli mit dem schwäbischen Charme eines echten Halbitalieners in seinem »Best of«-Programm die schönsten und lustigsten Geschichten der letzten Programme. In seinem Mix aus Situations- und Sprachkomik sowie Charisma erzählt er Alltagskuriositäten detailgetreu und plastisch: Man bekommt den Eindruck, selbst dabei gewesen zu sein.

Tags darauf (4. Juli) kommt der Meister der Wortgaudi höchstpersönlich nach Augsburg: Willy Astor. Im »Programm für Wortgeschrittene« begibt sich der Silbenfischer aus Bayern erneut auf die Suche nach Subjekt, Objekt und Glutamat. Astor erzählt sinnlose Geschichten mit Tiefgang und Bedeutung, singt Liebeslieder und Augenlider, leicht begleitet auf Gitarre und Piano. Er wird zwar nicht so gut spielen, wie es der Paolo conte, singt dafür aber von Nudeln, die früher mal Teig waren, und sieht Frauen in New York gerne bei Donner kehren.

Singen wird am 10. Juli auch Bülent Ceylan (Foto). Der Comedian begeistert seit Jahren ein Millionenpublikum in ganz Deutschland, bei seinen Shows bleibt kein Auge trocken. Und so ist die Devise des »Monnemer« (Mannheimer) Comedians ganz klar: »Jetzt erst recht sollte man sich sein Lachen in diesen unsicheren Zeiten nicht nehmen lassen.« In seinem »Open hAIR Special« will er mit Auszügen aus seinem aktuellen Programm »Luschtobjekt« seinen Fans ein solches ermöglichen.

Mit »Se return of se normal one« wird am 25. Juli Rolf Miller als ausländerfeindlicher ausländerfeindlicher Syrer, veganer Jäger, als Achim, Jürgen und Rolf wie immer in seiner unnachahmlichen Selbstgefälligkeit eben als »Me, myself and I – denn wo ist das Problem, ich bin mir genug« auftreten. Dabei bleibt Miller trocken wie eh und je. In seinem neuen Programm »Obacht Miller« zeigt das Halbsatz-Phänomen erneut, dass wir nicht alles glauben dürfen, was wir denken: »Ball flach halten, kein Problem … ganz ruhig, alles schlimmer äh … wie sich’s anhört …« Rolf Millers Figur kann einfach nicht anders und liefert ein Chaos der verqueren Pointen, mal ums Eck, mal gerade, mit und ohne Dings. Trefflicher als ein Fan auf Facebook – »Was für ein sinnfreies Gestammel, krank, genial« – kann man es nicht formulieren.

Und dann beschert uns der Juli ein Wiedersehen mit Erkan und Stefan. Bir, iki, ütsch! Das Handtuch und die Kette sind zurück. In den 2000ern prägten die beiden die Sprache einer ganzen Generation und sorgten für den schmerzhaften High-Kick ins Kleinhirn der deutschen Kulturkritiker. Sie wurden geliebt, oft zitiert und tausendmal kopiert. Bereits im Herbst 2019 starteten die beiden Comedy-Legenden mit ihrer lang ersehnten Live-Tournee ihr Comeback mit Comedy, Action und Druckmusik: »Doppelschwör!«

Und doppelt wird an diesem Samstagabend, 11. Juli, auch das Vergnügen: Autokino hoch zwei. »Erkan und Stefan – der Film« wird im Anschluss an den 45-minütigen Live-Auftritt der beiden gezeigt. Es ist der erste Streifen unter der Regie von Michael »Bully« Herbig. Die Musik stammt vom Augsburger Komponisten Ralf Wengenmayr, der seither bewährt für den Erfolgsregisseur und -produzenten und dessen Werke komponiert hat. Zur Story: Der Verleger Eckernförde (Manfred Zapatka) gelangt in den Besitz einer Kassette, auf der die letzten Minuten im Leben von Uwe Barschel aufgezeichnet sind. Sowohl der BND als auch die CIA sind an dieser Aufzeichnung interessiert. Zufälligerweise steckt Eckernfördes Tochter Nina (Alexandra Neldel), die in München ihre schwerkranke Mutter besuchen will, diese Kassette ein. Ausgerechnet Erkan und Stefan werden als Leibwächter für Nina engagiert. Damit nimmt das Chaos seinen Lauf …

www.autokino-augsburg.ticket.io

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