Blutiger Comictrip

20. Februar 2015 - 10:44 | Jürgen Kannler

»Die heilige Johanna der Schlachthöfe« – den Beitrag des Theaters Augsburg zum Brechtfest sollte man sehen.

Die Arbeiter stehen in grotesken Fettanzügen vor den Toren zum Schlachthof. Die Mädels von der Heilsarmee bringen den Hungernden Suppe und das Wort Gottes. Ihre Shirley-Temple-Kostümchen sind kurz und grell. Das Chicago der Fleischbarone ist zweidimensional, trostlos und schwarz-weiß wie eine Graphic Novel von Frank Miller. Aber nicht ohne Witz. Julia Oschatz bedient sich nach Herzenslust beim Punkrock und orientiert sich bei der Gelegenheit auch gleich an der Geschwindigkeit des Genres. Der Wechsel ihrer Bühnenbilder geht so fix! Klar, dass alles wohlgefällig mit den bunten Kostümwelten eines Andy Besuch korrespondiert. Und das Ensemble weiß sich in diesem Untergangsszenario zu bewegen. Es lümmelt, tippelt, eiert, stakst und wälzt sich durch die Szenerie, dass es eine Freude ist und die Stoffpimmel der gehäuteten Fleischbarone in ihren blutigen Superheroe-Overalls den Takt dazu schlagen.

Komponist, Dirigent und Conférencier des Wahnsinns ist Jens Dohle. Als Einmannorchester im Frack rast er unermüdlich vor der Bühne zwischen Schlagwerk und Flügel hin und her, gibt Einsätze, spricht Eingangstexte und findet dazwischen noch Zeit für ein Pläuschchen mit den Schauspielern. Und immer wieder fällt das perfekte Timing bei dieser Inszenierung auf. In den besten Augenblicken erinnert das alles an die legendären Auftritte der Düsseldorfer 80er-Jahre-Dadaisten von Der Plan. So hinterlässt der Showaspekt an diesem Abend auch den stärksten Eindruck.

Jessica Higgins (Johanna – wow), Brigitte Peters (Mauler – wooow), Ute Fiedler (Slift – wow) und ihre wunderbaren Kolleginnen und Kollegen beherrschen ihre Figuren, keine Frage. Doch das Schlachtermesser des Christian Weise bleibt über knappe drei Stunden seltsam stumpf. Als hätte sich der junge Regisseur bei seiner Inszenierung zu sehr auf den puren Schein verlassen. Kann es sein, dass ihm zu Themen wie Spekulation, Armut, Betrug und Verblendung nur noch Oberflächliches einfällt? Zynismus kann unterhalten, bringt uns auf Dauer aber auch nicht weiter. Brecht schrieb in der Wirtschaftskrise zum Ende der 30er-Jahre: »Es hilft nur Gewalt, wo Gewalt herrscht!«, und legte den Satz seiner sterbenden Johanna in den Mund. Was hat es bewirkt, ihr Leben zwischen Suppenküche, Kirche, Elendsquartier und Bonzenvilla? Was haben sie bewirkt, ihr Mitgefühl, ihre Appelle, ihre Gebete und ihre Art des Kampfes? Wirklich nichts? Wer weiß das schon. Besuchen Sie eine der nächsten Vorstellungen und machen Sie sich Ihr eigenes Bild.

www.theater-augsburg.de

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