Boden der Tatsachen

5. März 2019 - 9:15 | Thomas Ferstl

Der a3kultur-Filmkolumnist auf Forschungsreise. Ein Afrikaspecial. Teil 2

Die Spannung beginnt nach der Landung in Ghanas Hauptstadt Accra. Nach einem kleinen Marsch durch die sauberen, kühlen Hallen des neuen Flughafens gelangt man zur Temperaturkontrolle. Per Wärmebildkamera wird die Körpertemperatur ermittelt. Keine Einreise mit Fieber, es könnte ja das Gelbe sein. Innerlich vor Aufregung zitternd, war mein Körper scheinbar so cool wie Marlon Brando in »The Wilde One«. Weiter zur Passkontrolle. Ob ich die möglichen und nötigen 60 Tage ins Visum geschrieben bekomme? Nein, nur 30. Da ich 50 Tage im Land bleibe, finde ich mich einige Tage später beim Amt für Migration in Kumasi, der zweitgrößten Stadt des Landes, wieder, um eine Verlängerung zu beantragen. Die Behörde, bestehend aus mehreren Hütten und einem bröckelnden Betongebäude, pflegt klischeehafte afrikanische Bürokratie par excellence. Rauf, runter, hin, her, diverse Formulare, Tage und Geldscheine gehen ins Land, bevor ich meinen Pass wieder in Händen halten kann. Natürlich möchte auch der ein oder andere, mit dem ich zu tun habe, zum »Essen eingeladen« werden … wenn Sie verstehen, was ich meine.

Nach all der Aufregung musste also erst einmal entspannt werden. Und wie macht der Herr Projektor das? Natürlich bei einem Kinobesuch. Das Kino im Einkaufszentrum von Kumasi, einem der größten Shopping-Center in Westafrika, heißt Watch & Dine Cinema – und der Name ist Programm. Neben Popcorn und Softdrinks kann man sich auch allerlei Junkfood an die gemütlichen Sesselplätze bringen lassen. Auch praktisch: In Ghana ist es durchaus akzeptabel, Telefongespräche während eines Films zu führen. Sicherlich ein Traum für dauergestresste deutsche Manager. Kinos in Ghana zeigen überwiegend Hollywood-Produktionen, aber auch landeseigene Filme, bekannt als Gollywood. Der limitierte Spielplan vereinfachte die Wahl des Films: »Green Book« zum Zweiten. Meine Meinung über den Film hat sich seit Dezember nicht geändert. Bemerkenswert war jedoch, dass der Film – sehr untypisch für Ghana – nicht nur ohne Wartezeit, sondern 10 Minuten vor dem eigentlichen Beginn gestartet wurde. Den Einheimischen scheinbar völlig egal, erschien die Hälfte der wenigen Zuschauer doch erst eine gute Stunde nach Filmstart.

Mit dem ghanaischen Film habe ich während einiger Busfahrten durchs Land Bekanntschaft gemacht. Häufig waren diese Gollywood-Streifen sehr dialoglastig, handelten entweder von etwas Religiösem oder einer Familientragödie. Auf jeden Fall wird viel geschrien und die Produktionen wirken insgesamt teilweise schlechter als die Werbung lokaler Unternehmen, egal ob in Deutschland oder Ghana. Eine angenehme Ausnahme bildet Kwabena Gyansahs »Azali« (2018). Die 14-jährige Amina (Asana Alhasan) aus dem Norden Ghanas wird von ihrer Mutter als Zwangsarbeiterin nach Burkina Faso geschickt, wird dann befreit und landet durch widrige Umstände letztendlich als Kinderprostituierte in den Straßen der ghanaischen Hauptstadt Accra. Dort ist sie abermals gezwungen, um Leben und Freiheit zu kämpfen. Ein eindringlicher Film über die nach wie vor prekäre Situation von Kindern in Westafrika, der sich in Sachen Produktionsqualität nicht hinter europäischen Independentfilmen zu verstecken braucht.

Foto: »Azali« führt die junge Amina (Asana Alhassan) aus ihrem Dorf in eine schwere Zukunft.

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