Brecht ist los!

17. Februar 2020 - 10:56 | Jürgen Kannler

Am Freitag startete das Brechtfestival mit einem in manchen Teilen neuen und frischen Bauplan. Besichtigung bis 23. Februar live und auf brechtfestival.de

Die Entscheidung von Kuttner und Kühnel, ihrem Festival ein Zentrum rund um das Augsburger Staatstheater im martini-Park zu geben, war Gold wert. Die erste Spektakelnacht fand trotz ungemütlicher Wetterbedingungen ihr Publikum, das, teils freudig erregt und meist recht neugierig, dem guten und dichten Programm bis spät in die Nacht die Ehre gab.

Höhepunkt des ersten Abends war, natürlich, »Der Auftrag« (Foto © Katrin Ribbe), eine Produktion vom Schauspiel Hannover, bei dem Kuttner und Kühnel Regie führten. Das Brechtfestival-Leiterduo begab sich mit diesem Heiner-Müller-Stück, bei dem der Meister posthum als Sprecher fungierte, und »Die Tentakel von Delphi« eine hervorragende Musik beisteuerten, in die erlauchte Reihe großartiger Gastspiele zur Festivalzeit. Corinna Harfouch war natürlich eine Wucht, ach was, das ganze Ensemble war der Hammer. Und der rasante Hupa-Flaggentanz des russischen Matrosen wird noch lange in bester Erinnerung bleiben. Wer kein Ticket für diese Inszenierung ergattern konnte, fand genug Programm zwischen Orchesterprobebühne und Kantine oder fuhr einfach popkornessend eine Stunde Riesenrad.

Gefehlt hat bei diesem Spektakel Vol. I Martin Wuttkes »Der Schnittchenkauf« von René Pollesch. Für ihn übernahm Patrick Wengenroth, Festivalchef der vergangenen Jahre, gemeinsam mit Matzke Kloppe und Lucy Wirth: »Everything must change«. Sag ich doch auch immer. Wuttke ist vielleicht am 22. Februar zu Gast der zweiten Spektakelnacht. Vielleicht hätte Jürgen Kuttner doch so etwas wie einen Vertrag für seinen Schauspielkollegen aufsetzen sollen. Aber man lernt ja nie so richtig aus.

Dass Heiner Goebbles die Premiere seiner Komposition zu »Wolokolamsker Chaussee. Teil 3: Das Duell« platzen ließ, lässt der Künstler auf seiner Homepage wie folgt erklären:

»Brechtfestival – ohne Duell
Da es dem Staatstheater Augsburg trotz langem Vorlauf bis heute – wenige Tage vor der angekündigten 'Worldpremiere'.. .– nicht gelungen ist, auch nur eine einzige gemeinsame Probe aller Beteiligten durchzuführen, hat Heiner Goebbels dieser Live Fassung seines Hörstücks sein Einverständnis entzogen. Die beiden für das Spektakel Vol I und Vol II, am 14. und 22.2. mit dem Opernchor des Staatstheaters 'geplanten' Aufführungen – 'Wolokolamsker Chausee III – Das Duell' von Heiner Müller in einer Komposition von Heiner Goebbels – müssen deswegen leider ausfallen. Als Hörstück sind alle fünf Teile der Wolokolamsker Chausee – auch 'Das Duell' mit dem Kammerchor Horbach aus dem Hessischen Freigericht – am 19.2. im Planetarium Augsburg zu hören.«

Programmtag zwei war »Die Lange Brechtnacht«: Fatoni (etwas schlecht zu verstehen), The Notwist (großartig), Voodoo Jürgens (immer besser), Shari Vari (neu und gut), Gisbert zu Knyphausen (besser im Kleinen). Das wichtigste Festival für neuere Musik in der Region hatte auch 2020 mit dem Dichter nicht viel am Hut, war aber in gewohnter Manier sehr gut von Girisha Fernando kuratiert. Im Gegenzug zu dieser Leistung verdient die katastrophale Organisation des Abends im Kongress am Park ein lautes »Buhhhhh«. Kilometerlange Schlangen an den Versorgungseinrichtungen führten zu stundenlangen Wartezeiten auf Getränke. Verlorene Zeit, die nicht dem Kunstgenuss zugute kam.

www.brechtfestival.de

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