»Brecht würde das vielleicht anders sehen«

26. Februar 2019 - 16:23 | Martin Schmidt

Lyrik-Tag beim Brechtfestival: Sechs profilierte Dichter*innen trafen mit ihren poetologischen Positionen in Gespräch und Lesung auf Brecht.

»Von diesen Städten wird bleiben: der durch sie hindurchging, der Wind!« lautete die Überschrift der Veranstaltung, mit dem Versprechen: »Neue Lyrik für Städtebewohner*innen«.

Brecht ist mehr als Lyrik – und Lyrik mehr als Brecht. Trotzdem, oder gerade deswegen: ein »Lyrik-Tag« in der Stadtbücherei beim Brechtfestival. Festivalleiter Patrick Wengenroth, die lackierten Fingernägel farblich passend zum V-Pullover, betonte in seiner kurzen, unkomplizierten und hochsympathischen Publikumsbegrüßung, dass die Lyrik Brechts eben für das Verständnis dessen Werks zentral sei. Brechts Gedichte, so Wengenroth: »Schön sind sie alle; böse, sperrig, zornig.«

Zum Lyrik-Tag waren »sechs Top-Adressen der deutschen Lyrik« (Moderator Michael Schreiner) eingeladen, sich mit Brechts Stadtgedichten und auch dem Thema Stadt selbst auseinanderzusetzen. Kristallationspunkt dabei: Brechts Gedichtszyklus »Aus einem Lesebuch für Städtebewohner«. Aus diesem hatte vorab jede Lyrikerin und jeder Lyriker ein Gedicht auszuwählen, als Schreibe- und Reibepunkt – jeweils vor dem jeweiligen Einzelgespräch und eigener Kurzlesung vorgetragen vom gewohnt hervorragend agierenden Rezitator und Schauspieler Klaus Müller (Staatstheater Augsburg). Der Lyrik-Tag: ein Spiel aus Brecht würdigen, ihm ausweichen, auf ihn reagieren – und dem Beweis, dass die Freiheit der Poesie sich von keinem thematischen Schraubstock vereinnahmen lässt.

Dorf und Wind
Die Poesieveranstaltung im reichlich unlyrischen, mittels orangefarbenen Seminarstühlen um Freshness ringenden Multifunktionsraum der Stadtbücherei war in zwei Blöcke mit jeweils drei Dichterinnen und Dichter aufgeteilt, Podium 1 fand von 11 bis 12.30 Uhr, Podium 2 ab 13 Uhr statt. Block 1 startete mit dem Dichter Ulrich Koch (Radenbeck bei Lüneburg, *1966). Er überraschte mit seiner Brecht-Bezugnahme auf das alttestamentarische Vokabular in Brechts Dichtung. Er stellte einen Bezug zur Dichtung Kurt Martis her, auch aber eben zum alttestamentarischen Buch Kohelet.»Windhauch, Windhauch, sagte Kohelet, Windhauch, Windhauch, das ist alles Windhauch« (Koh 1,2) – was direktemang den Veranstaltungstitel »Von diesen Städten wird bleiben: der durch sie hindurchging, der Wind!« aufgriff. Spannend freilich, gerade den großartigen Lyriker Koch (Empfehlung: »Uhren zogen mich auf«) unter den Gästen zum Thema Stadt zu haben, ihn, den Die Zeit treffend als »Sänger der entvölkerten Vorstadt, der menschenleeren Provinz« bezeichnete. Im Brotberuf werktags zwischen Hamburg und seinem Wohnort Radenbeck als Zugpendler in einer »Zwischenzeit«, »einer Art Transformationszone« zwischen urbanem Flimmern und dörflicher Endruhe pendelnd, erzählt er, dass das Dorf Radenbeck auch schon den zynischen Namen Hängebeck bekommen habe – wegen der Suizidrate. Alkoholismus inbegriffen – »kein Vorrecht für Städtebewohner«, so Moderator Schreiner.

Eden: ohne Brecht
Daniela Seel – als in Frankfurt geborene Berlinerin (*1974) kommt sie als zertifizierte Großstädterin – spiegelt sich ebenfalls in den alttestamentarlichen Bezügen Brechts, dessen Benutzung der Symbolzahl Sieben, sein Motiv der Babylonischen Sprachverwirrung. Zwei Dinge faszinieren sie bei Brecht: zum einen, »weise zu sein«, zum anderen das sozialrevolutionäre Element. Auch seine Verhandlung der Zeitlichkeit sei nah an ihrem Schreiben. Seel liest aus dem bald im Verlag Peter Engster erscheinenden »Auszug aus Eden«, der hohe Ton ihrer Lyrik hier berührt. »Das war jetzt lang«, so Moderator Schreiner. Und: »Brecht ist da gar nicht drin«. Die Antwort Seels: »Brecht würde das vielleicht anders sehen«. Sie verweist auf dessen musikalische Sprache, insbesondere seine Libretti. Gedichte, so die Lyrikerin und Verlegerin Seel, seien Zwitterwesen zwischen Sprache und Papier. Gerade Wortwechsel wie diese machten die Veranstaltung zu einer spannenden Veranstaltung und befreiten die Poesie aus dem thematischen Schraubstock »Brecht« und »Stadt«.

Dann, in diesem ersten Block als Dritter im Bunde: Ulf Stolterfoht (*1963). Der sympathische Künstler wählt als Brecht-Gedicht »Lasst eure Träume fahren«. Stolterfohts Auswahlkriterium: jenem Gedicht beim eigenem Vorlesen gerecht werden zu können. Er war davon ausgegangen, dass er selbst ein Brecht-Gedicht vortragen müsse, was, vielleicht zu seinem Auftatmen, natürlich Rezitator Klaus Müller übernimmt. Stolterfoht stößt sich am »hohen Brauchbarkeitsethos« (und damit auch der Zeitgebundenheit und den Imperativen) der Brecht'schen Lyrik – der Stuttgarter vertritt »eher ein Ideal der Unbrauchbarkeit von Texten.« Im Gepäck hat Stolterfoht ein eigens angefertigtes Augsburg-Gedicht: ein von etwas Slam-Poetry Atmosphäre umflorter Text, der das Publikum mit seinen Augsburg-Referenzen – Helmut Haller, Zirbelnuss, Bayerisch-Schwaben – begeistert und mit starkem Beifall aus der Lyriklesungs-Reserve lockt. Michael Schreiner sieht sogar, in Anspielung auf das ebenfalls ins Brechtfestival implementierte Format »Ein Lied für Augsburg«, in dem Text eine neue Hymne für Augsburg.

San Diego, London, Augsburg
13 Uhr – der zweite Block. Drei weitere Dichter*innen. Die Publikumsreihen haben sich nur leicht gelichtet – und besser: die doch etwas lange Veranstaltung kann ihr hohes Niveau weiter in den Nachmittag hinein halten. Nancy Hünger (Erfurt, *1981 in Weimar) bezeichnet sich zum Thema Stadt selbst als »Provinznatürchen«. Welchen Ort sie angesichts dessen zum Schreiben brauche? Wo der Rückzugsort ist, sei egal, so Hünger, ob der nun in der Stadt oder auf Land zu finden sei. Auch Hünger – wie übrigens und glücklicherweise alle Dichterinnen und Dichter an diesem Tag – ist eine sehr gute Rezitatorin der eigenen Texte. Im Dialog mit Moderator Schreiner brilliert sie am meisten, mit eigenen Wortkreationen, gleichzeitiger Selbstbeobachtung ihres eigenen Sprechens und immer eng orientiert an den an sie gestellten Fragen.

Der Berner Raphael Urweider (*1974) ist der thematische Glücksgriff für den am Thema Urbanität ausgerichteten Lyriktag. Mit Städtegedichten – nachdem er als Identifikationsgedicht Brechts lange Hollywood-Elegien gewählt hat (als Zweitwunsch – »Das ganz lange Gedicht wurde mir ja verboten«) –,.... mit Städtegedichten jedenfalls kann er dienen. San Diego, London, New Yorks Central Station. Urweider ist hier Szenenschilderer, fügt impressionistisch Bilder und Gedanken zu Lyrik zusammen. Mit Brecht kann Urweider von allen wohl am meisten etwas anfangen, zeigt profunde Kenntnisse von Brechts Biografie. Brechts Lyrik: »zwischen Pathos und grob«. Moderator Michael Schreiner, der die denkwürdig anspruchsvolle Aufgabe zu bewältigen hat, sich nahezu drei Stunden lang in die Sprach- und Denkwelten von sechs zum Teil völlig verschiedenen Dichterpersönlichkeiten einzutasten, findet bei Urweider am besten Echo auf die Themen Stadt und Brecht.

Kathrin Schmidt wählte als Brecht-Leitgedicht dessen »Alljährlich im September, wenn die Schulzeit beginnt«. Nicht, »weil es mir besonders gut gefällt oder es ein besonders gutes Gedicht ist – im Gegenteil«. Sondern: Weil es eine Denkfigur beinhalte, mit der sie, Schmidt, aufgewachsen sei. Geboren 1958 in Gotha, erlebte sie die in der damaligen DDR von Propaganda beinflusste Schulbuchkultur. In Brechts Gedicht, fern der DDR, kaufen die Mütter von ihrem letzten Geld Schulbücher für ihre Kinder, »jammernd / Daß das Wissen so teuer ist. / Dabei ahnen sie nicht / Wie schlecht das Wissen ist, das für ihre / Kinder bestimmt wird.« Brecht, als linker Sozialrevolutionär, kommt nun ein zweites Mal zur Sprache – und selbst ins ideologiekritische Visier. Ob Brecht von den Stalinistischen Verbrechen wusste? Eine Frage, die, im doppelten Sinne: ausgesprochen, mitten im Brechtfestival hier auf der Lesebühne aufblinkte. Schmidt selbst präsentiert neue Gedichte, die erst vergangenen Sommer entstanden sind. Die im Gespräch resolute Berlinerin wird hier feinfühlig und zerbrechlich, ihre Lyrik nähert sich poetischer Prosa, ist auch Biografiearbeit. Entsprechend, angesichts des Themenvorgabe der Veranstaltung, schmunzelt sie: »Im nächsten Gedicht kommt zumindest das Wort ›Stadt ‹vor.«

Unser Bild zeigt von links: Moderator Michael Schreiner, im Gespräch mit Ulf Stolterfoht, Daniela Seel und Ulrich Koch. | Foto: Martin Schmidt

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