Brechts Hauspostille zum Hören

20. Oktober 2019 - 16:55 | Michael Friedrichs

Christel Peschke und Geoffrey Abbott zeigen bei einem Abend im Brechthaus, wie es geht.

Brechts »Hauspostille« ist eine Gedichtsammlung, ein lyrischer Zyklus. Typischerweise bekommt man einzelne Texte (manche wurden herausragend vertont) zu hören, einige sind ja berühmt: Apfelböck. Marie Farrar. Schwimmen in Seen und Flüssen. Ballade von den Seeräubern. Hanna Cash. Marie A. Eine sichere Bank bei Brecht-Liederabenden.

Aber Christel Peschke und Geoffrey Abbott machten es anders für ihr Konzert im Augsburger Brechthaus am 17. Oktober: Sie präsentierten (im Wesentlichen in der Reihenfolge des Originals) 25 Gedichte, gesprochen wenn sie reiner Text sind, bei Kompositionen gesungen.

Vorab bekam man Auszüge aus der »Anleitung zum Gebrauch der einzelnen Lektionen« zu hören, und es spricht für Christel Peschkes Vortragskunst ebenso wie für die Intelligenz ihres Publikums (das Brechthaus war so voll besetzt wie selten), dass dabei immer wieder kleines glucksend-glückliches Lachen zu hören war. »So wie du sie vorträgst, machst du die Texte durchsichtig«, sagte nachher David Ortmann, Hausregisseur am Staatstheater Augsburg.

Geoffrey Abbott ist in Augsburg das Synonym für Brecht am Klavier, und Christel Peschke ist die unvergängliche Mutter Courage der hiesigen Brecht-Inszenierungen. Es ist naheliegend, dass sich beide schätzen, aber man muss erstmal die Idee haben zu einem Überblickskonzert über die Hauspostille, und die hatte Christel Peschke.

Jürgen Hillesheim unterzog sich vor ein paar Jahren der herkulischen Aufgabe, sämtliche Gedichte der »Hauspostille« in einem umfangreichen Buch zu analysieren – ein Standardwerk. Bei Peschke/Abbott waren nicht alle Texte zu erleben: von den 50 Texten der ersten Ausgabe von 1922 »nur« 25, nicht alle in der Fassung dieser Ausgabe. Vielleicht nicht ganz fair gegenüber dem Publikum, dass das nicht erwähnt wurde? Aber dies war ein Konzert, keine Wissenschaft.

Und wie mitfühlend Christel die Marie Farrar spricht, die hilflose Magd, die ihr Kind getötet hat, und wie couragiert-lebensfroh die Ballade von den Seeräubern. Und wie präzise Geoff die Begleitung meistert und Zwischenmusik zwischen die einzelnen Lektionen streut – ein uneingeschränkter Genuss. Bedauernswert, wer‘s nicht hören konnte.

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