Das Brot des Herrn

Foto: Susanne Thoma
27. Mai 2016 - 12:12 | Susanne Thoma

Tonaufnahmen in Gotteshäusern. Zweite Station von AiR Reinhard Gupfinger im Mariendom.

Die Straßen auf dem Weg zum Dom sind aufgrund der Fronleichnamsprozession für den Autoverkehr gesperrt. Häuser sind anlässlich des katholischen Hochfestes mit Birkenzweigen und Fahnen geschmückt. Die Gläubigen begleiten die vom Bischof getragene Monstranz in einem Festzug unter Gebet und Gesang durch die Straßen. Im Mittelpunkt des Feiertages Fronleichnam steht die Eucharistie, die Umwandlung von Brot und Wein in Leib und Blut Christi. Dieses Ritual hängt eng mit dem letzten Abendmahl zusammen, bei dem Jesus seinen Jüngern laut katholischer Glaubenslehre den lebendigen Leib des Herren in Form des Brotes (Hostie) und des Weines übergeben hat.

Ankommen am Domvorplatz geht die Prozession gerade zu Ende und die Gläubigen nehmen im Inneren des Kirchenschiffes Platz. Reinhard hat dort schon seine Aufnahmetechnik installiert. Er wird die Messe aufzeichnen und Ausschnitte daraus in seinem Medienprojekt »Silent Event« als Beitrag zum Hohen Friedensfest verwenden. Wie klingen Gotteshäuser? Wie klingt der Sound des Friedens? Diesen Fragen geht er mit seinem Kunstprojekt nach. Zuvor geht es aber noch in die Domsakristei, also Backstage. Hier werden liturgische Gewänder, Gerätenschaften wie Kelche, Leuchter und Kerzen aufbewahrt. Alles, was man für die Messe braucht. Die Sakristei ist auch die Kommunikationszentrale für alle, die am Gottesdienst beteiligt sind. Wir treffen Armin Zürn, den Domkapitular. Kurz darauf trifft auch Domdekan Prälat Dr. Bertram Meier ein. Er wird die Messe, die gleich beginnen wird, leiten. »Brauchen wir noch Fürbitten?«, fragt er in den Raum hinein. Laien werden sie später vortragen. Es herrscht eine lockere Atmosphäre. Der Pfarrer kleidet sich um. Zwei Messdienerinnen sind schon bereit. Jahrhundertelang galt der Ministrantendienst als eine Vorstufe zum Priesteramt. Darum durften nur Jungen mit am Altar stehen. Papst Johannes Paul II. hat jedoch das Kirchengesetz 1992 zugunsten von Frauen interpretiert. Seitdem liegt die Entscheidung, ob es Ministrantinnen gibt oder nicht, beim zuständigen Bischof.

Die Gläubigen haben sich inzwischen im Kirchenraum versammelt und auch wir begeben uns an unseren Platz. Der Gottesdienst beginnt, indem der Priester und die Ministrantinnen in den Altarraum einziehen. Die Liturgie der heiligen Messe besteht aus einem Wortgottesdienst und der Eucharistiefeier. Der Ablauf unterliegt einer genauen Choreographie, die sich uns nicht wirklich erschließt. Sitzen, stehen, knien. Wann ist was zu tun? Zum Glück können wir uns an anderen Gottesdienstteilnehmer*innen orientieren. Der aufgestellte Styroporkopf mit den Mikrofonen auf den Ohren ist unser treuer Begleiter. Das was er hört, können die Gäste des »Silent Events«, der am 4. August im Abraxas statt finden wird, auch hören. Daneben die Klänge der anderen Glaubensgemeinschaften.

Die Sounds während der Messe im Dom sind vor allem durch die voluminösen Orgeltöne in Kombination mit dem Gesang geprägt. Sie wirken schwer und düster, aber auch erhaben. Im Kontrast dazu stehen die hell klingenden Altarschellen, die von den Messdienerinnen beim Zeigen des verwandelten Brotes und Weins bedient werden. Nach 45 Minuten ist die Feier zu Ende. Die Orgel tönt nochmals sehr laut. Bertram Meier nickt uns beim Auszug freundlich zu und fragt im Vorbeigehen: »Hat die Aufnahme geklappt?« Daumen hoch.

Die Tonaufnahmen sind zu hören unter: http://www.welcome-in-der-friedensstadt.de/soziale-plastik-der-religionen/

Im Mai 2016 besuchte Reinhard Gupfinger insgesamt neun Glaubenseinrichtungen, um Tondokumente für sein AiR-Projekt »Silent House of Prayer« zu erstellen. Die Aufnahmen erfolgten über zwei Mikrofone, die an einen Styroporkopf montiert waren, um so die Hörsituation eines Menschen zu simulieren.

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