Steiniger Weg in die Freiheit

28. Januar 2019 - 13:33 | Dieter Ferdinand

Livia Bitton-Jacksons zweites Buch über ihr Leben »Brücken der Hoffnung« liegt jetzt in deutscher Sprache als Weiterführung von »1000 Jahre habe ich gelebt« vor.

»Dieser junge Mensch hättest auch du sein können«, schreibt Livia Bitton-Jackson im Vorwort zu ihrem Buch »Brücken der Hoffnung – ein Leben nach Auschwitz« (S. 9). Als Elli Friedmann kommt sie mit Bruder Bubi und Mutter in ihre Heimat zurück nach Šamorín in der heutigen Slowakei. »Keine Spur von Vati« (S. 12); er wurde 1945 im KZ Bergen-Belsen ermordet. Elli geht wieder in die Schule: »Andere Mitschüler, andere Lehrer… Tschechische und slowakische Lehrer.« (S. 15/16) Von über 500 jüdischen Einwohner*innen sind nur 36 zurückgekehrt.

Bruder Bubi hält sich vor allem in Bratislava auf. Zu dritt stehen sie vor der Entscheidung, nach Amerika oder nach Israel auszuwandern. Sie entscheiden sich für Amerika. Am 1. Mai kommt Bubi: »Es gibt den idealen Urlaub für dich. Ein Sommer in der Hohen Tatra.« (S. 65) Elli wird Betreuerin jüdischer Mädchen, die ins Sommercamp fahren, um die Grundlagen des Judentums zu erlernen. Elli freut sich darauf: »Mein Wissen in Sachen Judentum ist quasi gleich null.« (S. 67) Die Zugfahrt in das hohe Gebirge beschreibt Livia Bitton-Jackson begeistert: »Gewaltige Bäume sind Botschafter der Unsterblichkeit… Hier entdecke ich eine neue Dimension der Spiritualität. Es sind göttliche Geheimnisse.« (S.86)

Im August 1946 packen sie, es geht auf Wanderung in die Hohe Tatra. Sie kommen aber nicht weg. Betrunkene ehemalige Partisanen brechen nach einer Feier in der Dorfkneipe mit Äxten und Mistgabeln und mit judenfeindlichen Ausdrücken zum Quartier der Kinder auf, um »die kleinen Jidden oben zur Sau zu machen« (S. 114). Während schon das Haus zerstört wird, geleitet Elli die kleine Schar auf gefährlichen Wegen nachts zum Bahnhof und in den überfüllten Zug.

Im Wohnheim geht der Unterricht weiter. Bubi reist nach Amerika vor. Am 29. November 1947 verfolgen sie die UNO-Abstimmung. »Der jüdische Staat ist geboren« (S. 147), auf den Straßen Bratislavas wird getanzt. Jetzt will Elli nach Israel über die Hagana, die jüdische Untergrundarmee in Palästina. Sie wird abgelehnt, weil sie mit 17 zu jung für den bewaffneten Kampf ist. Inzwischen ist ihre Heimat von den Kommunisten besetzt. Elli wird in Bratislava aufgenommen als Lehrerin in einer jüdischen Schule: »Was erfordert mehr Verantwortung: Mit einem Buch zu hantieren oder mit einer Waffe? Was ist effektiver oder auch tödlicher: ein Gewehr oder die Erziehung?« (S. 172)

In Israel entstehen die ersten Kibbuzim. »Ein Kibbuz ist ein landwirtschaftlicher Kollektivbetrieb, in dem Mädchen und Jungen zusammen leben und arbeiten. Ich staunte über ihre Geheimniskrämerei und ihre Begeisterung für die marxistische Ideologie.« (S. 175) Stalin hatte gehofft, über diese Einrichtungen Einfluss in Israel zu bekommen. Als dies nicht gelingt, lässt er alle spüren, wie sehr ihm das missfällt. Seine offene Feindschaft sorgt für einen drastischen Umschwung im gesamten Ostblock. Überall werden Juden unterdrückt und diskriminiert. Eine Fluchtwelle setzt ein. Nach langen Verhören und Verhandlungen bringt ein Lastwagen Elli und ihre Mutter nach Österreich. Von März bis September 1949 erleben sie den »Frühling in Wien« (S. 221). Der weitere Weg führt in die Lager Feldafing am Starnberger See und Geretsried. Wer nach Amerika will, wird lange verhört, wenn er aus einem Land hinter dem Eisernen Vorhang kommt. Im März 1951 heißt es: »Ihr sollt sofort ins Übergangslager in München.« (S. 273) Am Abend vor der Abreise nehmen sie Abschied von Freunden und Bekannten. »Wir lassen keine guten Freunde zurück. Und dennoch … Jeder Abschied ist ein kleiner Tod.« (S. 275)

»Am Morgen des 7. April 1957, einem sonnigen Sabbat, legte unser Schiff im Hafen von New York an.« (S. 280) Im Epilog berichtet Livia Bitton-Jackson kurz über ihr weiteres Leben. Im Juli 1977, 26 Jahre nach ihrer Ankunft in New York, »landen Mami und ich als Neuzuwanderer in Israel auf dem Flughafen Ben Gurion in Tel Aviv. Da war meine Mutter schon über achtzig, mein Sohn verheiratet und meine Tochter im ersten Jahr ihres Studiums« (S. 281).

»Brücken der Hoffnung« ist wie »1000 Jahre habe ich gelebt« spannend geschrieben und unbedingt lesenswert für Erwachsene und Schüler*innen.

Im Gespräch mit der USC Shoah Foundation spricht Livia Bitton-Jackson über ihre Ankunft in Auschwitz 1944 und ihr Aufeinandertreffen mit Josef Mengele. Zu sehen unter: www.youtube.com/watch?v=F-Qnk5jVG94

Livia Bitton-Jackson: Brücken der Hoffnung – Ein Leben nach Auschwitz, 1. Auflage, 2018, übersetzt von Dieter Fuchs, 287 Seiten, Verlag Urachhaus, ISBN: 978-3-8251-5141-6

www.urachhaus.de

Autorenfoto Livia Bitton-Jackson (Klick zum Vergrößern): © privat

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