Brutale Zauberkraft

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23. Februar 2016 - 14:26 | Bettina Kohlen

Die Adresse sind die »Elysischen Felder«, nah bei der Haltestelle »Sehnsucht«. Doch das wars dann auch schon mit der Zauberhaftigkeit. Tennessee Williams' Drama »Endstation Sehnsucht« entfaltet jetzt am Theater Augsburg sein tragisches Potential.

Die Schwestern Stella und Blanche entstammen einer alten Südstaatenfamilie, die Ansehen und Reichtum längst verloren hat. Die eine scheint sich mit dem gesellschaftlichen Abstieg arrangiert zu haben, Blanche jedoch negiert den Verlust, versucht die Fassade eines vermeintlichen früheren Glücks aufrechtzuerhalten. Als gar nichts mehr geht, fällt sie bei Schwester Stella und deren rohem Mann Stanley ein.

Alles spielt sich in der Wohnung des Paares ab: eine enge, armselige Düsternis mit Brandschäden, schwarze Trostlosigkeit, das Dach kaputt (Bühnenbild und Kostüme: Wolfgang Menardi). Wie bei einer antiken Tragödie wird das Geschehen von einer Band kommentiert (eindrucksvoll: Lea Sophie Salfeld). Die exaltierte Blanche platzt hier mit einem Haufen extravaganter Kleider und Perücken rein. Sie ist auf die Hilfe von Schwester und Schwager angewiesen, zeigt jedoch auch deutlich, wie sehr sie deren Leben verachtet. Sie ist unmöglich, sie ist verzweifelt, sie trinkt; der schüchterne Mitch (anrührend-abstoßend: Ferdinand Dörfler), der sich zu ihr hingezogen fühlt, wird zur letzten Möglichkeit, irgendeine Art von Glück zu finden. Doch Stanley, der Blanche verachtet und schließlich vergewaltigt, torpediert diese Beziehung, indem er Mitch die erotisch-unrühmliche Vergangenheit Blanches steckt. Wiederum erfährt sie Verachtung. Am Ende landet Blanche in einer psychiatrischen Anstalt. Doch Stella bekommt ein Kind und Stanley, der als Einziger begreift, wie das amerikanische Spiel läuft, geriert sich als stolzer Familienvater.

Nicht nur Blanche, auch Stella blickt der Wahrheit nicht ins Gesicht. Jessica Higgins als Stella lässt wunderbar deutlich werden, wie sehr diese sich die von Gewalt und Hörigkeit geprägte Beziehung zu Stanley schönredet, sich weigert, die Brutalität und Verachtung ihres Mannes zu erkennen. Sebastián Arranz verleiht Stanley eine latente intelligente Gefährlichkeit, die sich mit offener Brutalität paart. Doch vor allem ist dies Ute Fiedlers Abend! Ihre Blanche DuBois steht mit dem Rücken an der Wand, geblieben sind ihr lediglich eine dramatische Garderobe und ihre Träume. Daran hält sie hartnäckig fest, immer tiefer spinnt sie sich in einen Kokon aus verlorener Jugend und Liebe, Realitätsverweigerung und nicht erfüllbaren Wünschen ein: »Ich will keinen Realismus, ich will Zauber.« Ihr katastrophales Ende in der Psychiatrie bietet in Maria Viktoria Linkes Inszenierung auch einen Ausweg für Blanche: Rückzug, sich nicht mehr der Welt stellen müssen …

Nächste Termine: Fr 26.02.16, Sa 27.02.16, Fr 11.03.16

www.theater-augsburg.de

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