Bühne auf Bestellung

20. April 2020 - 15:51 | Bettina Kohlen

»Lass uns doch was bestellen.« Was für Pizza, Asia Food und Co. gang und gäbe ist, geht jetzt auch mit Theatervorstellungen. Das Staatstheater Augsburg liefert seit neuestem die Bühne ins Haus – zumindest virtuell.

Das Staatstheater Augsburg hatte sich für die Operninszenierung »Orfeo ed Euridice« mit einem Stapel VR-Brillen eingedeckt. Doch ‚mach du nur einen Plan …‘ – der Coronavirus-bedingte Lockdown sorgte nun früher als gedacht für den Anschub der digitalen Sparte des Theaters. Als Pilotprojekt setzt man auf das Monolog-Stück »Judas« der niederländischen Autorin Lot Vekemans um, das ursprünglich für das Jubiläum der Moritzkirche im letzten Jahr produziert wurde. Nach der Premiere auf der temporären Westchorbühne am Moritzplatz wurde das Einpersonenstück im Februar in der wunderbaren Goldschmiedekapelle der Annakirche aufgeführt. Dieses Setting bietet nun Raum für die 360-Grad-Inszenierung, die sich um die zentral postierte Rundum-Kamera entwickelt, die stellvertretend für uns VR-Rezipient*innen zum Gegenüber des Akteurs wird. Judas (Roman Pertl) – den kennen wir als Jünger und Verräter von Jesus Christus – spricht über seine Beziehung zu diesem, er argumentiert, reflektiert, dreht sich aber auch (nicht nur verbal) im Kreis. Pertls eindrucksvolle Performance schafft den Spagat, seine Figur sowohl historisch distanziert, aber ebenso ganz heutig und nahbar zu entwickeln.

Für bescheidene 9,90 Euro kann man sich zu einem vereinbarten Termin eine VR-Brille ins Haus liefern lassen und dann rund 75 Minuten lang Judas’ Erläuterungen erleben, dabei den Blick durch die Kapelle schweifen lassen, den Bewegungen des Protagonisten folgen. Der kommt einem zuweilen so verdammt nahe, wie es in der Bühnenrealität sonst nicht der Fall wäre, da die Trennung von Bühne und Zuschauerraum hier aufgehoben ist und wir mittendrin sind: Mal stehen wir Schulter an Schulter, dann wieder tritt Judas/Pertl vor uns hin und blickt uns direkt in die Augen. Tut er natürlich nicht wirklich, doch das Erleben ist intensiv und suggestiv. Das Einpersonenstück eignet sich ideal für diesen virtuellen Theaterbesuch, bei dem die Zuschauer*in zur teilnehmenden Beobachter*in der Aufführung wird.

Das Ganze funktioniert supersimpel: Man setze sich, so man hat, auf einen Drehstuhl, oder auf den Boden oder sonst einen Platz, an dem man sich bequem und gefahrlos drehen kann. Sobald man sich die VR-Brille übergestülpt hat (klappt auch bei Brillenträger*innen), geht es ohne Knopfdrücken automatisch los mit der Wiedergabe der Aufführung. Da die Brillen individuell starten und die Außenwelt nur visuell ausgeschaltet ist, empfiehlt es sich, einen Kopfhörer anzustöpseln, wenn man nicht allein ins virtuelle Theater geht und nicht in verschiedenen Zimmern sitzen möchte. Da der Rundum-Schwenk ein wenig verzogen ist und die Bildschärfe nicht hundertprozentig, kann es ein wenig anstrengend werden, doch da man kann jederzeit eine Pause einlegen kann (einfach Brille absetzen), kann man gut damit leben. Vor- und Zurückspulen geht jedoch nicht und auch eine erneute Wiedergabe des Ganzen fällt flach. Der virtuelle Theaterbesuch ist somit ein einmaliges Erlebnis – fast wie im richtigen Leben…

Das VR-Repertoire wird nach und nach erweitert, geplant sind bereits der Ballettabend »Shifting Perspectives« und die drei Ein- bzw. Zweipersonenstücke »Oleanna – ein Machtspiel«, »Tagebuch eines Wahnsinnigen« und »Event«. Wie man an die VR-Brille kommt, wird auf der Website des Staatstheaters Augsburg genau erläutert, einschließlich eines schrägen Tutorials mit Intendant André Bücker.

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