Die Chance ist die Vielfalt

3. April 2019 - 9:57 | Jürgen Kannler

Der Städtetourismus boomt. Seine wirtschaftliche Bedeutung liegt vor dem Maschinenbau und Einzelhandel. Die Kultur spielt dabei die tragende Rolle. Ein Interview mit Tourismusdirektor Götz Beck.

a3kultur: Herr Beck, welche Bedeutung hat der Tourismus für unsere Region?

Götz Beck: Die Chance der Stadt und der Region ist die Vielfalt. Die Frage ist: Wie bekomme ich die Themen in eine Kontinuität, damit sie ganzjährig aktuell sind? Die Antwort ist: Man muss Profile entwickeln, die über viele Jahre wirken. Bei Fugger und Welser, Mozart und Brecht haben wir touristisch alles gut aufbereitet. Wir sind sehr zufrieden damit. Wir highlighten diese Profile, wenn es besondere Jubiläen gibt, wie zum Beispiel 300 Jahre Leopold Mozart 2019. Oder 2021, wo wir wieder die Fuggerthematik aufgreifen werden. Von daher sind wir sehr gut aufgestellt.

Was sind die Gründe für Touristen, hierher zu kommen?

50 bis 60 Prozent der Städtetouristen kommen aufgrund der kulturellen Vielfalt in die Stadt. Eine aktuelle Befragung aus dem Jahr 2018 zeigt, dass dies häufig der Hauptgrund für die Reise ist. Das ist auch der entscheidende Faktor: Die Touristen sind zufrieden mit dem, was sie hier angeboten bekommen. Kultur ist Impulsgeber für den Tourismus.

Wie ist das Verhältnis zwischen Städte-, Kongress- und Messebesuchern?

Es sind rund ein Drittel Städtetourismus, ein Drittel Messe- und Kongressbesucher und ein Drittel reiner Geschäftsreiseverkehr. Der Kongressmarkt hat in den letzten Jahren den Ausschlag nach oben gegeben. Früher ist das nur eingeschränkt gelungen. Mit der Sanierung des Kongress am Park können wir nun wichtige Impulse setzen. Das hängt maßgeblich mit dem Tagungs-, Kongress- und Messewesen zusammen. Deutschland liegt hier nach den USA weltweit an zweiter Stelle. Die Stadt Augsburg hat es früher versäumt, das Marktsegment Kongressdestination zu besetzen, obwohl wir die besten Voraussetzungen dafür haben: die Lage, das Preis-Leistungs-Verhältnis, das Rahmenprogramm und die überschaubare Stadtstruktur. Mit der Kongresssanierung und der Etablierung einer neuen Marke ist uns dies gelungen. Es gibt wenige Städte in Deutschland, die in allen drei Bereichen so gut aufgestellt sind.

Lassen sich aufgrund kultureller Themen, die sich  im Festivalprogramm niederschlagen, ebenfalls Ausschläge im Übernachtungszyklus feststellen?

Aktuell nein. Wir haben eine gute Grundauslastung. Das hängt damit zusammen, dass wir derzeit nur 4.600 Betten haben, was relativ wenig für eine Stadt dieser Größenordnung ist. Mannheim hat beispielsweise circa 8.000 Betten, Nürnberg rund 19.000. Um weitere Impulse für den Tourismus zu setzen, brauchen wir die in den nächsten Jahren geplante Kapazitätserweiterung von etwa 1.600 Betten. Dann kann in der Analyse eher ermittelt werden, wie sich die Kulturakzente auf die Auslastung auswirken.

Basiert der Städtetourismus nicht vorwiegend auf der Kultur, die durch das kulturelle Mikroklima am Leben gehalten wird?

Sowohl als auch. Ein Brechtfestival, große Ausstellungen oder Jubiläumsaktivitäten, die nach außen wirken, sind ein Grund für den positiven Trend. Das sind die Leuchttürme, die man für den Tourismus  braucht. Vor Ort ist allerdings die mikrokulturelle Atmosphäre ausschlaggebend. In Städten, die atmosphärisch gut aufgestellt sind, kann man vieles entdecken. Das ist vielleicht kein direkter Reisegrund, doch muss der Aufenthalt am Ende spannend sein. Die Priorität ist, dass man sich wohlfühlt. Das gehört mit dazu. Es ist letztlich die Kombination aus Leuchttürmen und einer authentischen Mikrokultur.

Befindet sich unsere Kulturregion, was die Wahrnehmung angeht, in einem  Imagewandel?

Der Wandel ist spürbar. Früher hat man die Region nicht richtig wahrgenommen. Nun sind wir vom Image und Bekanntheitsgrad her gut aufgestellt. Die Werte haben sich positiv entwickelt. Der Brandmeyer-Stadtmarken-Monitor zeigt: Hamburg ist hinsichtlich des Images Reiseziel Nummer eins in Deutschland, München liegt auf Platz zwei. Augsburg befindet sich an elfter Stelle von insgesamt 49 Städten. Der Imagewandel, der sich ab 2000 vollzogen hat, ist auf verschiedene Bereiche zurückzuführen. Es gab die ersten Festivals. Das Thema Fußball hat letztendlich natürlich auch dazu beigetragen. Wir sind auf einem guten Weg.

Hat die Bewerbung als Kulturhauptstadt, die vom Ergebnis her nicht positiv war, auch etwas damit zu tun?

Wir haben natürlich keine ausgeprägten wissenschaftlichen Daten dazu. Vom Empfinden her würde ich eher sagen: nein. Die Bewerbung hat intern insofern einen sehr positiven Effekt gehabt, als man sich bewusst gemacht hat, welche Potenziale man hat.

Inwieweit spiegeln sich ein Innen- und ein Außenverhältnis?

Ein Innenverhältnis ist natürlich wichtig. Das Thema Identifikation ist es ebenso, weil die Menschen vor Ort immer Botschafter sind. Ein starkes Innenverhältnis trägt dazu bei, dass verzögert eine stärkere Außenwahrnehmung erfolgt. Die UNESCO-Bewerbung hat einiges gebracht. Medien in ganz Europa haben über uns berichtet. Wir sind damit auch im amerikanischen und asiatischen Bereich unterwegs.

Welche Bedeutung hat diese Entwicklung?

Rein wirtschaftlich gesehen hat diese Entwicklung einen hohen Stellenwert. Mit Tourismus erzielen wir über eine Milliarde Umsatz in Augsburg und in der Region. Hier und in ganz Deutschland ist dieser Bereich zu einer Leitökonomie geworden. Wir liegen damit noch vor dem Einzelhandel und dem Maschinenbau. Es ist enorm, was in den letzten Jahren passiert ist. Der Tourismus ist zu einem wichtigen Arbeitgeber von nicht verlagerbaren Arbeitsplätzen geworden. Früher wurde eher vernachlässigt, dass der Tourismus zur Attraktivität der Stadt beiträgt. Heute ist es so, dass Fachkräfte gerne in attraktive Regionen ziehen. Somit ist der Tourismus für Deutschland und Augsburg enorm wichtig geworden und wird weiter an Potenzial zulegen.

Götz Beck ist Tourismusdirektor der Regio Augsburg Tourismus GmbH.

www.augsburg-tourismus.de

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