Charles, Benno und ich

4. August 2018 - 8:20 | Gast

Ein Trip zurück in die Anfänge des MaroVerlags. Ein Gastbeitrag von Arno Löb

Der Augsburger MaroVerlag feierte seinen Durchbruch Anfang der Siebzigerjahre mit Büchern von Charles Bukowski, als den US-Schriftsteller in Deutschland noch keiner haben wollte. Bis heute beweist Gründer Benno Käsmayr Spürsinn für bemerkenswerte Autor*innen und neue Talente. In seinem Beitrag gibt Arno Löb einen persönlichen Einblick in seine Begegnungen mit diesem Urgestein der bayerischen Verlagsszene.


Ich lebte in den 1970ern in Augsburg in einer als kleines Wohnhaus umgebauten Waschküche in einem Hinterhof im Paradiesgässchen. Gleich neben dem Biergarten »Drei Königinnen« in der Jakober Vorstadt. Damals begann ich gerade meine Laufbahn als Student für Grafikdesign. Darum interessierte ich mich auch für den Zettel an einem Schaufenster bei der Brühlbrücke, der im Frühjahr 1977 die Eröffnungsparty für einen »Unabhängigen Buchladen« verkündete. Es waren die Jahre, als noch der CSU-Stadtrat Maiberger im Hippie-Outfit durch die Künstler- und Studentenkneipen zog, um sein kleines kritisches Magazin »Der Maikäfer« aus der Stofftasche zu vertreiben. Brecht galt in Maibergers Kreisen noch als verabscheuungswürdiger Kommunist. Aber Maiberger, der Deutschlehrer, setzte sich im »Maikäfer« für Brecht ein. Mit ihm zogen auch andere Leute durch die Kneipen, die aus ihren Tüten und Taschen Raubdrucke verkauften. Hergestellt mit einer kleinen Offset-Druckmaschine. Bindung mit Leim im Keller und mit Schraubzwingen.

Ich ging also zur Eröffnungsparty des neuen Buchladens, nicht weit von meiner wohnlichen Waschküche. Es gab Lambrusco und Salzstängle. Dort lernte ich dann nicht nur einige Mädels aus dem Stetten kennen, sondern auch den Inhaber des Ladens, der mit diversen dubiosen Büchern und noch dubioseren Flugzetteln für irgendwelche irrwitzigen Politvereine ausgestattet war: den Drucker und Autor Michael Tonfeld. Ich sehe ihn auch in der Gegenwart noch ab und zu in Augsburg mit dem Fahrrad afrikanische Riesenschnecken in der Obstkiste durch die Stadt transportierend, die er dann mit seinem dazugehörigen Kinderbuch in den Schulen vorstellt.

Nachdem ich bei der Eröffnungsparty fünf Kilo Salzstängle geknabbert hatte und wesentlich an der Leerung einiger 2-Liter-Lambrusco-Flaschen beteiligt war, fühlte ich mich verpflichtet, bei Tonfeld irgendein Buch zu kaufen. War ja schließlich ein Buchladen und keine Kneipe. Und irgendwie machte mich ein blaues Buch mit einem merkwürdig langen Titel an: »Gedichte, die einer schrieb, bevor er im 8. Stockwerk aus dem Fenster sprang«. Es sah so richtig nach alternativer Druckkunst aus.

Nachdem ich bei der Eröffnungsparty fünf Kilo Salzstängle geknabbert hatte und wesentlich an der Leerung einiger 2-Liter-Lambrusco-Flaschen beteiligt war, fühlte ich mich verpflichtet, bei Tonfeld irgendein Buch zu kaufen.

Ich habe dieses Buch, blaues Cover und blaue Schrift auf weißem Papier, länger besessen, als ich mit dem blonden Mädchen aus dem Stetten herumzog, das ich bei dieser Party kennengelernt hatte. Dort las ich Sachen, die damals sehr ungewöhnlich waren und mich elektrisierten, vielleicht auch mit der Auslöser waren, dass ich ein paar Jahre später als Texter und Stimme der Porno-Punk-Combo Impotenz einstieg.

Weil ich gerade an diesem Bericht sitze, krame ich mal in meinem Bücherberg, und tatsächlich fällt mir dieses blaue Buk-Benno-Buch in die Finger, an dem die Farbe außen schon etwas abgegangen ist. Ich zitiere jetzt gleich mal was draus:

»Wenn ich hier so rumsitze und ab und zu mal einer Spinne mit meiner Zigarette das Lebenslicht ausblase, kann ich mir nicht vorstellen, daß die Weiber, die ihr heute pimpert, noch so gut sind wie es meine mal waren«, las ich in dem Text »Arsch mit Ohren« von Buk, wie ihn seine Fans liebevoll nennen. Oder: »Ich schaute mich nochmal um und wollte gerade gehen, als ich eine Frau in der anderen Ecke des Zimmers sah. Sie hing da in der Ecke, die Beine auseinander, und schien ziemlich weg zu sein. Ich ging rüber und guckte sie mir an. Schien in Ordnung zu sein. Ich ließ meine Hosen runter und steckt ihr das Ding rein. Naja, ich steckte rein, was ich hatte. Es lief gerade ganz gut, als sich was plötzlich zwischen meine Arschbacken rammte …«

Achtung, Zusammenhang: Dieser Underground-Drucker Tonfeld war übrigens Schüler bei diesem kauzigen Maiberger gewesen. Mit dem Gedicht »Öli« beschrieb Tonfeld später seinen Teacher, der von seiner seelischen Zerrissenheit getrieben wurde und auch mal drohte, als Stadtrat aus dem Rathausfenster zu springen, wenn der Hotelturm in den Wittelsbacher Park gebaut würde.

Ich las damals die angesagte Musikzeitschrift »Sounds«, die nicht nur aufregende neue Musikprojekte vorstellte, sondern auch Literatur abseits vom üblichen Bestsellergewäsch. »Sounds« stellte auch voller Jubel das blaue Buch von Charles »Buk« Bukowski vor, das ich für ein paar Mark im Tonfeld-Laden erstanden hatte, der leider nur kurze Zeit existierte. Wir machten die Partys mit viel Lambrusco dann halt in meiner Hinterhofvilla, die sich nach und nach zu einem kleinen Künstlertreff mauserte. Auf dem Klo lagen die »Sounds«-Hefte zur Unterhaltung und Weiterbildung. Durch die Buchpräsentation in dem Musikmagazin aus Hamburg wurde mir erst klar, dass der MaroVerlag in Sachen Subkultur doch beachtenswert wäre. Verrücktes Zeug zeichneten und schrieben bei diesen Waschküchenpartys in das Gästebuch meiner niedrigen Hinterhofbude auch Künstler wie Pit Kinzer rein, die zur Fraktion der Autoren gehörten, die das Literaturmagazin »sprachlos« produzierten, das bei Maro aus der Offset-Druckmaschine kam. So langsam verfilzte und vernetzte sich meine Person mit Maro.

Lustigerweise stellte sich schnell heraus, dass Michael Tonfeld auch im Paradiesgässchen wohnte. Im ersten Stock des großen Hauses mit der schiefen Vorderfassade, zu dem meine ehemalige Wachküche am Hinterteil gehörte. Ich bekam dann mit, dass Tonfeld den Werkkreis für Arbeiterliteratur in Augsburg leitete, der seine Geschichten auch in einem großen Verlag wie Fischer Taschenbuch veröffentlichte. Und ich bekam auch mit, dass Tonfeld in seiner Wohnung eine Druckmaschine stehen hatte, auf der er Zeitschriften und Bücher herstellte. Manchmal ging es schief, wenn er sein Hemd in die Druckwalzen reinbrachte, das bekam ich auch mit. Durch Tonfeld, seine politischen und literarischen Freunde und Bekannte und mein Studium an der Fachhochschule für Gestaltung stieg mein Interesse an Druckereien und Druckerzeugnissen. Viele Jahre später brachte ich für Tonfelds originelle Erzählungen dann sogar in dem eigens gegründeten Verlag »Singold« das Buch »Kesseltreiben« mit »wilden Gesichten« aus Afrika heraus.

In Augsburg wimmelte es um 1974 von Schnelldruckereien. Ich bereicherte mein Leben in den 1970ern zuerst mit der Gründung einer alternativen Konzertagentur namens »AK Afra«, hervorgegangen aus einem sozialpädagogischen Projekt im Afraheim für schwer erziehbare Mädchen. Mit den Gewinnen aus Rockkonzerten wollten wir WG-Wohnungen für die Mädchen finanzieren, die in diesem Heim eingesperrt waren. Für die Werbung zu den Konzerten mit Bands wie Tone Steine Scherben, Wallenstein, Birth Control, Ufo, Can, Embryo, Doldingers Passport oder Kraan wurden Werbezettel, heute Flyer genannt, in der Auflage von 1.000 Stück oder mehr benötigt. Mich lockte die originelle Anzeige von Maro in seine Druckerei. Illustriert vom gleichen Zeichner wie die Anzeige mit Knollennasenzwergen und Pilzen und seltsamen Wesen und Pflanzen für die Kollektivkneipe »Thing«. Ich stolperte damals ziemlich aufgeregt in die Maro-Druckerei im Bismarckviertel, als das gesamte Team gerade mit Kochen beschäftigt war. Benno, der Chef, lud mich zum Mitessen ein, bevor wir mit dem Auftrag anfingen. Ist ja klar, dass ich bei dieser Druckerei blieb. Wobei ich lange Jahre nicht wusste, wie Benno eigentlich mit Nachnamen hieß. War ja auch besser, denn bis heute tue ich mir schwer mit seiner Schreibweise: Käsmaier oder Käßmeir oder Käsmayr? Was ich allerdings bald herausbekam, war das Geheimnis seines Druckerei- und Verlagsnamens: »Maro« setzt sich zusammen aus den Anfangsbuchstaben von Maria und Rosi, zwei ehemaligen Freundinnen von Benno. Als ich öfters bei Maro drucken ließ, merkte ich nach und nach, dass hier auch ein Verlag existierte und verschiedene Bücher hergestellt wurden. Nicht nur Bukowski, mit dem er berühmt wurde.

Viele Jahre später, um 1980, nach der Einstellung unserer Augsburger Monatszeitschrift »Lueginsland«, die ich mit Freunden gegründet hatte, als ich immer tiefer ins Druckereiwesen eingestiegen war, begann ich mit Literaturmarketing. Dabei wurde ich in der Literatur- und Verlagsbranche deutschlandweit bekannt. In dieser Zeit verfolgte ich auch die Aktivitäten des MaroVerlags. Dieser heimste für seine besonderen Bücher und Verlegeraktivitäten einen Preis nach dem anderen ein. Vor Kurzem erst den Preis als »beachtenswerter bayerischer Kleinverlag«.

Ich bereicherte mein Leben in den 1970ern zuerst mit der Gründung einer alternativen Konzertagentur namens »AK Afra«, hervorgegangen aus einem sozialpädagogischen Projekt im Afraheim für schwer erziehbare Mädchen.

Als der Bildhauer Claus Scheele, der mit meiner Band Impotenz zusammenarbeitete, noch im Riedinger Park arbeitete und lebte, besuchte ich dort für Aufträge und einen Plauderkaffee auch den Maro-Benno, der mit seiner Truppe Büro und Werkstatt an einem Kanal hatte. Natürlich wurde wieder mit seinem Team gekocht und gegessen. Ab und zu bekam ich wieder einen vollen Teller vorgesetzt, wenn ich zur richtigen Zeit kam.

Bei Maro gingen und gehen auch bekannte Autoren wie Jörg Schröder (März-Verlag, Olympia Press) oder der Provo-Journalist Henryk M. Broder (»Die Achse des Guten«) ein und aus, die dort ihre Bücher herstellen lassen. Broder schrieb was über das umstrittene Moshammer-Buch, für das ich vor Gericht musste, im »Spiegel« und Schröder hörte mir zu, wenn ich in der Kahnfahrt verrücktes Zeug über Augsburg erzählte, was er dann in »Schröders Erzählungen« verarbeitete. Insofern hatte ich auch indirekt Kontakt zu Maro, was ja in einer kleinen Großstadt wie Augsburg durchaus möglich ist, da auch Schröder und Broder, wenigstens zeitweise, in Augsburg wohnten.

Zusammen mit Kurt Idrizovic von der Buchhandlung am Obstmarkt entwickelte ich einmal die Reihe »Sound & Reading«, wobei wir Musik mit Lesung verbanden. Ich kann mich noch an die blonde Ami-Autorin La Loca erinnern, die bei Maro einen Gedichtband herausgebracht hatte und die wir bei Suz in der Kneipe Vega zur Lesung buchten. Das war eine tolle Veranstaltung, aber im Überschwang hatte ich wohl Bemerkungen und Zwischenrufe getätigt, die von der Autorin mit Missfallen gewürdigt wurden. Nach der Lesung verschwand sie mit ihrem Lektor, damit sie mich nicht mehr sehen musste.

Tja, auch so was Dummes kann passieren. Aber egal, ich verstehe mich immer noch gut mit Benno, und wenn ich ihn in seiner Druckerei, jetzt in Oberhausen-Nord, besuche, dann quatschen wir gern von den alten Zeiten. Aber auch von den neuen, und er zeigt mir die aktuellen Bücher und Autoren, an denen er gerade dran ist. Das dauert dann so lange, bis die Küche ruft. Ich muss den Benno beim nächsten Besuch mal fragen, ob er eigentlich schon ein Kochbuch in seinem Verlag herausgebracht hat.

www.maroverlag.de


Arno Löb besuchte die Fachhochschule für Gestaltung, gründete Augsburgs erstes Stadtmagazin »Lueginsland« und später die »Szene«. Er ist Punkmusiker und Autor sowie Literaturagent und Kulturmacher. Zudem gibt er online die »Augsburger Skandalzeitung« heraus.

Foto: Gründete 1969 den MaroVerlag Benno Käsmayr. Bukowski gratulierte zum 10-jährigen Bestehen mit einem Brief. Darin schrieb er: »Benno entdeckte mich vor den größeren Verlagen. Die nahmen mich ihm aber weg, denn ich liebe − wie sonst eine Hure auch − Geld und Erfolg.« (Foto: Arno Löb)

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