China. Aichach. Zimt. Und Pop & Tod.

31. Januar 2017 - 8:28 | Martin Schmidt

Mischpult, die präfaktische Kolumne, informiert Sie über die Februarwerte an Livemusik – hinsichtlich Hamburger Dunkelpop, Chinakrach und Norway-Jazz

Der Februar beginnt mit einer Band, die mit ihrem Album »Pop & Tod I +II« sicher eines der besten, zumindest aber eines der interessantesten deutschsprachigen Alben des Jahres 2016 hinlegte: Die Heiterkeit. Komischer Name, aber, komisch eben: keine lustige Musik. Die Hamburger Band schickt Pop durch den Chansonkanal direktemang in die Dunkelkammer von Velvet Underground und klingt wie Hamburger Schule meets Joy Division. Eindrücklich ist dabei die Stimme von Frontfrau Stella Sommer – ein Voice-Hybrid aus Hildegard Knef und Dirk von Lowtzow, aus Nico und sonst noch wem.

Gesamtergebnis ist ein seltsam und toll distanzierter, intelligenter Pop aus melancholischen Midtempo-Hymnen und zwei Kilo Pathos (noch warm). Und auf Platte: ein herrlich rappelig produzierter Schlagzeug-Sound. Wer irritiert ist vom Tage später folgenden Soho-Auftritt von Percival (remember »The Voice of Germany« 2012), Donnerstag, 9. Februar, wird sich bei Die Heiterkeit indiemäßig betrinken können an Coolheit mit Kühle, Strenge mit Strangeness und Chanson mit No-Chance. Am Schlagzeug sitzt übrigens Philipp Wulf von der Band Messer, die seit jeher süßschlechte Laune mit Rätselhaftigkeit in Pop rückkoppelt. Band-Logo von Die Heiterkeit übrigens: ein Smiley mit horizontalem Gedankenstrich als Mund. Okay. Und wann das alles? Am Freitag, 3. Februar, Soho Stage, 20 Uhr. Und früh kommen, denn: Einen wirklich passenden Support gibt das Augsburger LoFi-Pop-Trio Zimt, das mit seiner jüngst veröffentlichten 7 Inch »Du kannst leben wie du willst« (Kleine Untergrund Schallplatten) eine unglaublich schmucke Pop-Probier-Probe abgegeben hat, welche, passend zum aktuellen Support-Job, in ihren Orgel- und Bassmotiven tatsächlich auch einen kleinen Joy-Division-Vibe hat. Oder, wie Oliver Gottwald über das Trio sagt: »Zimt sind Zucker!« Nach der Show steigt übrigens die Going Underground Party, es legen auf amtliche Experten in Sachen Indiepop, 60s und Postpunk.

Chinakino & Aichkrach

Noch mehr Lust auf Seltsames? Here we go, Grüß Gott, Guiguisuisui. All diese Namen diesen Monat machen einen fertig, echt! Guiguisuisui sind ein experimentelles Art-Rock-Duo aus China und England. In einer minimalistischen wie avantgardistischen Sound-Oper vermischen sie Elektronik mit 8-Bit-Sound, Coldwave mit Blues und Rock, Hip-Hop und Doom mit Noise. Der Zombie-Bluesman Guiguisuisui (auf Pressefotos im Misfits-ähnlichen Totenkopflook) und die unsterbliche Ninja Susu bilden das Dark-Arts-Duo, das in einem asiatisch-abendländischen Crossover Archetypisches mit Moderne verschmilzt. Ihrem Make-up und ihren Masken zufolge sollte man sie wohl eher nicht in ihren Privatwohnungen besuchen, sehr wohl aber bei ihrem Konzert im Jugendzentrum k15 (Kanalstraße 15) am Mittwoch, 15. Februar (Einlass: 20 Uhr, Beginn: pünktlich 21 Uhr). Den Support macht ein Projekt aus einer Stadt, die in etwa so weit weg und fremd ist wie China: Aichach. Der Krachpionier Uldorox widmet sich der Erforschung von konkretem Noise-Ambient. Begonnen hat er damit schon ab 1977, das Ergebnis war die 1982 veröffentlichte Kassette »Versuchungen« – produziert allein mit einem Tonbandgerät und einem Mikrofon. Das Throbbing-Gristle-ähnliche, stoisch wie ein MRT bratzende Material wurde nun auf Augsburgs umtriebigem Experimentalmusik-Label Attenuation Circuit neu auf CD veröffentlicht. Man lärmt nie aus.

Jazzjourney-Jimi

Weiter mit neuen Ansätzen, weiter mit Jazz zum Schluss: Ein Großer der skandinavischen Musikszene findet den Weg ins Theater Landsberg. Der Gitarrist Eivind Aarset ist zwar Jazzer – und arbeitete bereits mit Nils Petter Molvær, Bugge Wesseltoft und Jan Bang zusammen –, er ist aber eher von Jimi Hendrix beeinflusst, begann seine Karriere sogar im Heavy Metal. Darüber hinaus hat der Norweger keine Berührungsängste mit Elektronik, Ambient, Post-Rock oder Drum ’n’ Bass. Mit Eivind Aarset 4Tet bringt er soundscapeartige Jazzreisen mit Jazzmetal-Gitarrensoli-Ausbrüchen auf die Bühne, dunkel, ambientmäßig, groovig, virtuoses Ohrenkino, mehr Jam als Impro. Termin ist Samstag, 18. Februar (20 Uhr) im Stadtheater Landsberg. Begleitet wird er übrigens auch von Schlagzeuger Erland Dahlen, der schon zwei Mal mit Nils Petter Molvær im Landsberger Stadttheater spielte.

Foto: Wir haben Blumen für dich. Aber es ist Februar. Die Band Die Heiterkeit spielt am Freitag, 3. Februar, in der Soho Stage. (Foto: Malte HM Spindler)

Thema:

Weitere Positionen

15. September 2019 - 14:34 | Iacov Grinberg

In seiner Kunsthalle im abraxas zeigt der Berufsverband Bildender Künstler die Ausstellung »besSITZen – Objekt Stuhl«.

12. September 2019 - 14:34 | Renate Baumiller-Guggenberger

Ursula Anna Neuner feiert im Kulturhaus abraxas das 25-jährige Jubiläum ihrer »tanzwerkstatt«

11. September 2019 - 13:30 | lab binaer

Am Wochenende ging die Ars Electronica unter dem diesjährigen Motto »Out of the Box – The Midlife-Crisis of the Digital Revolution« zu Ende. Benjamin Stechele vom Augsburger Labor für Medienkunst LAB BINÆR berichtet für a3kultur vom Linzer Festival.

Freie Plätze
9. September 2019 - 10:25 | Gast

In einem Gastbeitrag fordert der Leiter des Augsburger Sensemble Theaters, Sebastian Seidel, einen großen kulturpolitischen Wurf für die freien darstellenden Künste.

9. September 2019 - 9:57 | Thomas Ferstl

Projektor – die a3kultur-Filmkolumne im September

23. August 2019 - 10:35 | Bettina Kohlen

Die Vergänglichkeit ist ein grundsätzlicher Bestandteil des Lebens, das einem permanenten Wandel unterliegt. Doch können wir nicht nur daneben stehen und unbeteiligt tun – Menschen gehören zu diesen Veränderungen, sind Teil, aber beeinflussen auch massiv. Was das mit Kunst zu tun hat? Viel. Diesmal in Augsburg und Bregenz.

22. August 2019 - 23:23 | Iacov Grinberg

Während der allgemeinen Ferienruhe hat die Galerie Krüggling uns Zuschauern eine neue Ausstellung beschert: Metamorphosis Floralis, welche die Arbeiten der Künstlerin Valeria Koxunov zeigt.

18. August 2019 - 18:13 | Martin Schmidt

Schneidemaschine, Jazz, Neues aus Noise – hochqualifizierte Verstöße gegen die allgemeine Pop-Verordnung. Das Augsburger Duo Schnitt legt das Album des Jahres vor. Eine Rezension von Martin Schmidt.

14. August 2019 - 9:08 | Patrick Bellgardt

Am 24. August gastiert Purple Schulz im Wittelsbacher Schloss in Friedberg. Die 80er-Jahre-Ikone präsentiert ihr neues Album »Nach wie vor« open air im Innenhof. Ein Interview

12. August 2019 - 14:02 | Dieter Ferdinand

Im griechischen Theater Heretsried wurde am 9. August Nestroys »Das Mädl aus der Vorstadt« aufgeführt