Chronist von Grauen und Rettungstaten

2. Oktober 2018 - 10:23 | Dieter Ferdinand

Die Erinnerungen von Mietek Pemper sind neu erschienen.

Im Gedenken an den Augsburger Ehrenbürger Mietek Pemper (1920–2011) veranstaltete das Jüdische Kulturmuseum Augsburg-Schwaben am 26. September einen bewegenden Abend. Pemper hatte die Liste für Oskar Schindler (1908–1974) geschrieben, durch die etwa 1.200 jüdische Frauen, Männer und Kinder vor den Gaskammern gerettet werden konnten. Dafür wurden Schindler und seine Frau Emilie in Yad Vashem (Jerusalem) mit dem israelischen Ehrentitel »Gerechte unter den Völkern« ausgezeichnet. Oskar Schindler würde 2018 110 Jahre alt. Der Film »Schindlers Liste« wurde vor 25 Jahren erstmals gezeigt. Im April 2018 erschien die zweite Auflage des Buches »Der rettende Weg« mit dem neuen Titel »Wie Schindlers Liste zustande kam. Die wahre Geschichte«. Die neue Museumsleiterin Dr. Barbara Staudinger moderierte ein Gespräch mit Prof. Dr. Viktoria Hertling, Gründungsmitglied und ehemalige Direktorin des Center for Holocaust, Genocide & Peace in Reno (USA), und Pempers Nichte Regina Pemper.

Zur Begrüßung wies Barbara Staudinger darauf hin, wie wichtig Zeitzeugnisse für Erinnerung und Zukunft sind. In einem Grußwort betonte Rabbiner Dr. Henry Brandt seine tiefe Verbundenheit mit Mietek Pemper, der nie verbittert und immer humorvoll war.


Mietek Pemper (Foto: privat)

Viktoria Hertling las aus Pempers Buch. Im »Zwangsarbeitslager« und späteren KZ Plaszów südlich von Krakau wurde er unfreiwillig zum Schreiber und Stenografen des brutalen Kommandanten Amon Göth. Seine Überlebenschance schätzte Mietek Pemper als äußerst gering ein: »Die nervliche Zerrüttung, die das anrichtete, lässt sich kaum beschreiben.« Göth erschoss willkürlich viele Häftlinge. Er ließ sich die Namen von deren Angehörigen geben und ermordete auch sie. Dazu sagte er einmal: »Ich möchte keine Unzufriedenen in meinem Lager haben.« Er wurde meist von zwei scharfen Hunden begleitet, die auf Kommando Menschen förmlich zerfleischten. Pemper schildert »das hohe Maß an krimineller Energie und Zynismus« bei Göth, nach dem Motto in dessen Jagdzimmer: »Wer zuerst schießt, hat mehr vom Leben.«

Oskar Schindler besaß unweit des Ghettos und nördlich des Lagers eine Emailwarenfabrik. Es gelang ihm, dort ein eigenes Arbeitslager zu führen, in dem Arbeiter*innen aus Plaszów auch wohnen konnten und so dem direkten Zugriff Göths entzogen waren. Um die Menschen auf Dauer zu retten, schlug Pemper vor, »siegentscheidende Produkte«, also Rüstungsgüter zu produzieren, aber mit geheimen Fehlern, die sie unwirksam machten. Entscheidend war nach dem Krieg die Auffindung des Koffers, in dem die Beweise lagen, dass Pemper Produktionszahlen gefälscht hatte. Die Verlegung der Fabrik nach Brünnlitz und ihre Tarnung als KZ waren ausschlaggebend für die endgültige Rettung.

Nach der Lesung berichtete Viktoria Hertling, dass Mietek Pemper erst nach langem Zögern ihr seine Geschichte erzählte. Sie zeichnete diese auf und gab das Buch mit Marie Elisabeth Müller heraus. Regina Pemper beschrieb die Verwunderung ihres Onkels über die vielen Oscars für den Film »Schindlers Liste«. Sie sprach über den Einsatz von Mietek Pemper als Zeitzeuge vor allem mit jungen Menschen.

Mietek Pemper – Wie es zu Schindlers Liste kam, Hoffmann und Campe Verlag GmbH, 288 Seiten, 25 Euro, ISBN: 978-3-455-00270-6

www.jkmas.de
www.hoffmann-und-campe.de

Foto oben, im Gespräch (von links): Barbara Staudinger, Viktoria Hertling und Regina Pemper  (Quelle: Jüdisches Kulturmuseum Augsburg-Schwaben)

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