Clubkultur, Corona, Krise & kreative Lösungen

18. März 2020 - 13:37 | Martin Schmidt

KO durch Covid-19? Die Clubs müssen kämpfen. Bernhard Klassen, Club- und Kulturkommission Augsburg, im Interview über Clubstream, Spenden und Krisenmanagement.

2020, der schwarze Frühling der Clubbetreiber: Die Corona-Pandemie sorgt in Augsburg für Clubschließungen. Die meisten Live- und Musikclubs schlossen bereits – freiwillig – vergangenes Wochende, nun folgte der staatliche verordnete Shutdown aller Vergnügungsstätten. Die Venue-Betreiber haben mit zum Teil noch unabsehbaren wirtschaftlichen Folgen zu rechnen. Die Livekomm, der Verband der Musikspielstätten in Deutschland, warnt, dass sich ein Verlust vor allem der kleinen Musikbühnen sich verheerend auf den gesamten Livemusiksektor für die nächsten Jahre auswirke: »Mit dem Fehlen dieser Bühnen, sei es in den Metropolen oder im ländlichen Raum, ist nicht nur der gesamte musikalische Nachwuchs in Gefahr.«

Die Augsburger Clubs sind in Bedrängnis. Die Club- und Kulturkommission (CUKK) Augsburg reagierte vergangenes Wochenende mit einer kreativen Idee: dem Augsburg Clubstream. Live wurde in Bild und Sound ein Set einer erklecklichen Menge an DJs aus der geschlossenen Kantine gestreamt. Mit dieser blitzschnell aus dem Boden gestampften Idee war die CUKK dem Geschehen in der deutschen Clublandschaft voraus: In der Bundes- und Clubhaupstadt Berlin zieht man diese Woche nun mit »United we stream« nach. Das Hamburger Vorzeigeclub Molotov macht sogar »Geisterkonzerte«: keine Band, kein Konzert, kein Club, kein Publikum – aber spendefreudige Community. Auch die Club- und Kulturkommission Augsburg plant eine dringend notwendige Spendenaktion, allein schon deswegen, weil auch die Clubstreams irgendwie finanziert werden müssen.

a3kultur sprach mit dem stellvertretenden Vorstand der CUKK, Bernhard Klassen.


a3kultur: Wie erging es euch im März? Wann habt Ihr gemerkt, dass diese Sache mit dem Corona-Virus für die Clubszene ernst wurde?
Bernhard Klassen: In den Medien war das Thema ja schon präsent und man hat sich über das Thema schon ausgetauscht. Dennoch hat es die Szene mit voller Wucht getroffen.

Wo haben sich die Clubbetreiber allein gelassen gefühlt?
Ein Problem war sicherlich die fehlende Rechtslage für Veranstaltungen unter 500 Personen. Hier gab es von den Behörden einige Tage keine eindeutige Aussage. Die Clubs haben sich dann freiwillig dazu entschlossen, die Clubs zu zulassen und somit ihren Teil zur Eindämmung der Verbreitung beigetragen.

Von woher kam Unterstützung?

Wir wurden Anfang März kurzfristig und aktiv vom Ordnungsreferenten zu einem Info-Austauschtreffen eingeladen, um die aktuelle Situation zu besprechen und Fragen stellen zu können. Das war unkompliziert und schnell. Von Seiten der Livekomm, dem Verband der Musikspielstätten in Deutschland, gibt es schon gute Forderungen für den Umgang mit der Situation und den nötigen Maßnahmen für die Branche. Und natürlich kommt eine riesige Unterstützung von den Besucherinnen und Besuchern, indem sie zum Beispiel unseren Augsburger Clubstream angesehen haben und gut finden. Da waren und sind wir nach dem ersten Stream wirklich sprachlos und freuen uns riesig, dass es so funktionieren kann!

Und was bedeutete die Corona-Krise für die Kommission selbst?
In den vergangenen Tage und Wochen haben die Mails, Telefonate und Gespräche schon ziemlich zugenommen, aber es ist großartig, wie die Mitglieder und Freunde der CUKK hier zusammenarbeiten. Wir sehen uns als Ankerpunkt, Informationen auszutauschen und zu verteilen, als Ansprechpartner zur Verfügung zu stehen und mit kreativen Ideen – wie zum Beispiel dem Augsburger Clubstream – in dieser völlig neuen Situation unseren Teil beizutragen.

Was ist euer Appell, euer Wunsch an die bisherigen Club- und Konzertbesucher?
Nutzt den Clubstream und sobald es möglich ist, spendet auch den ein oder anderen Euro für die Sache, damit wir und die Clubs das aufrecht erhalten können. Wir prüfen gerade, wie wir das mit der Spendemöglichkeit einrichten können. Auf unserer Website wird es hier Infos dazu geben, sobald wir hier weiter sind. Und natürlich: Wenn die ganze Sache vorbei ist, geht gerne und schnell wieder in eure Clubs, besucht Live-Konzerte und supportet die Szene. Sie kann es dann mehr als dringend gebrauchen.

Was bedeutet die Krise für die Clubs finanziell? Neben den entfallenen Einnahmen stehen ja auch Mietkosten, Personalkosten und vieles mehr...
Die Situation ist für alle absolut kritisch, da ja nicht nur alle Clubs sich zuerst freiwillig für eine Schließung entschlossen haben, dann auch die Behörden für Clubs unter 100 Besucher*innen eine Schließung veranlasst haben und nun seit Dienstag, 17. März, die staatliche Verordnung, dass alle ganz schließen müssen. Neben den Einnahmeausfällen über den regulären Betrieb müssen Mitkosten und Mitarbeiter*innen ja weiter gezahlt werden. Das ganze Ausmaß ist heute noch gar nicht abzusehen.

Die Livekomm hat hier als bundesweiter Verband auch schon gute Vorschläge für einen Support der Szene definiert. Diese werden wir auch in Augsburg mit der Stadt thematisieren. Konkret sind dies die Punkte Einrichtung eines Ausfallfonds für (Konzert-)Veranstaltungen, die Stundung von Steuervorauszahlungen und Krankenkassenbeiträgen und die Übernahme von Ausfallbürgschaften. Außerdem eine Kostenbeteiligung an Veranstaltungsausfallversicherung, Mietkostenzuschüsse für die Venues und ein unbürokratisches Kurzarbeitergeld. Wir gehen davon aus, dass wir entsprechend der Aussagen auf Landes- und Bundesebene als Branche auch Gehör finden und es pragmatische Hilfen geben wird.

»Es wird absolut nötig sein, hier mit kreativen Ideen und Hilfen auf allen Ebenen den finanziellen Kollaps der Szene zu verhindern.«


Wann droht einem Club in so einer Lage eine Schließung? Gibt es eine Versicherung für Clubs? Haben Clubs generell Rücklagen?

Ausfallversicherungen sind sehr teuer und in der Regel haben unsere Clubs keine solche Versicherungen. Das heißt, es wird absolut nötig sein, hier mit kreativen Ideen und Hilfen auf allen Ebenen den finanziellen Kollaps der Szene zu verhindern.

War die Entscheidung, vorerst die Läden zu schließen, eine schnelle und gemeinsame?
Da es keine einfache Entscheidung ist und auch die behördlichen Vorgaben ja einige Tage gedauert haben, waren es für alle unruhige Nächte. Dann aber war es schnell klar, dass so ziemlich alle schließen und ihren Teil für eine Eindämmung tun.


Der »Augsburg Clubstream« – eine geniale Idee, wenn auch keine Lösung. Wer hatte die Idee dazu?
Kurz nach dem gemeinsamen Gespräch zu der Gesamtsituation kam schon die Idee auf und wurde dann innerhalb von 24 Stunden in die Tat umgesetzt. Wir sind absolut begeistert, dass das so gut ankommt. Wichtig werden jetzt auch Spenden und finanzielle Unterstützung in der Sache sein, da die CUKK die Kosten für Technik etc. längerfristig nicht allein stemmen kann.

Wollt Ihr das Clubstream-Konzept auf Bandgigs ausweiten?
Das ist natürlich eine reizvolle Idee und wir werden sehen, ob das machbar ist. Wir organisieren nun erst einmal die Anfragen und versuchen hier, dies Stück für Stück voranzutreiben. Ich persönlich fände es toll, wenn wir das auch mit Live-Gigs schaffen.

Wir sprechen jetzt gerade Stand Mitte/Ende März miteinander. Irgendeine Ahnung, welche Szenarien langfristig drohen?
Aktuell kann man nur spekulieren, aber wir wünschen uns vor allem für alle Besucher*innen, dass sie gesund bleiben. Ebenfalls einen Support entsprechend der Livekomm Forderungen für die Branche und natürlich ein baldige Normalisierung der Situation, damit wir wieder alle großartige Live-Konzerte und schöne Clubabende in und um Augsburg genießen können.

Das Bild zeigt (von links) Christoph Steinle, Helena Gladen und Bernhard Klassen (im Interview) der Club- und Kulturkommission Augsburg (CUKK). Foto: Fabian Kulse

 

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