Clubs, Corona, Crisis: Stream tha culture!

30. April 2020 - 11:15 | Martin Schmidt

Kulturelle Grundversorgung im Stream: Auch im Mai setzen Clubs und Künstler auf digitalen Erhalt einer wichtigen gesellschaftlichen Infrastruktur.

Potzblitz! Dunkle Rock ’n’ Roll-Typen, die Nacht beherrschende Clubmacher und Popmacker, sensible Künstlerseelen und freie Bohème machen gemeinsam glorreiche Sache mit der Polizei Augsburg-Mitte und dem Gesundheitsamt. Wie konnte es soweit kommen?! Durch eine gemeinsame Mission: Stream’ die Kultur! Eine kulturelle Synapsenschaltung im virtuellen Raum, aber höchst lebendig.

Doch nun von Anfang an: Club-K.O. durch Corona? Nicht so ganz: Clubclever gegen Covid-19. Als die Idee am 13. März 2020 geboren wurde, waren die Augsburger Veranstalter einer der ersten in der Republik: Let’s stream tha hot shit! Der Augsburg ClubStream – gleichzeitig ein Leuchtturmprojekt in der Stadt und, holla die Streamfee, noch in die Umlaufbahn gebracht, bevor die Clubhauptstadt Berlin sich überhaupt am Köpfchen kratzen konnte – der Augsburg ClubStream jedenfalls startete innerhalb von 24 Stunden mit den ersten DJ-Sets.

Die Nicht-mehr-ausgeh’-Community: entzückt. Und ein Hauch von Clubfeeling enterte via Laptops und Smartphones die Wohnungen, WGs und Zimmer von Studenten, Jugendlichen, Clubgängern, Musikfans. Nicht lange dann bis zum ersten Band-Livestream: Roy Bianco & Die Abbrunzati Boys präsentierten am vierten Digitaldate live ihr aktuelles Album. Ein Höhepunkt galore: Die Augen und Ohren von rund 1.400 Zuschauern hockten schon vor Beginn des Streams im Digitalkanal. Kleine technische Schwierigkeiten in der Transmission, aber: Who cares, live ist live.

Von Clubkultur zum Club der Kultur

Wenig später wurde aus dem ClubStream der Club- und Kulturstream und auch das Veranstalter-Kollektiv wuchs an: Drei neue Mitglieder kamen hinzu – Jazzclub, Sensemble Theater und Club Paradox (ehemaliges Schwarzes Schaf). Zu Redaktionsschluss waren weitere sechs, sieben Interessenten in der Pipeline. Das Programm erweiterte sich, ganz nach Konzept, schlagartig um Literatur, Theater, Kinderprogramm; Erfolgsformate wie »Lesen für Bier« und »Song-Slam« speisten sich mit ein. Miteinher ging der Abschied von Facebook- und Youtube-Streams mit Umzug auf die zentrale Webseite www.clubundkultur.tv.

Stream im Team

Mit am Strang ziehen Ordnungsamt, Gesundheitsamt, städtische Mitarbeiter und – Rhytm Police! – die Polizei Augsburg-Mitte. Hygiene- und Abstandsregeln wurden ausgearbeitet, entsprechende Einweisungen für die Künstler angefertigt und Streams angemeldet, bei mehreren Slots spielen Bands schichtweise und voneinander abgeschottet in Blockabfertigung. Der Programmbeirat, bestehend aus rund zehn Leuten, tagt jeden Sonntagabend mittels Videokonferenz, ein Pulk an Ehrenamtlern hilft beim Drumherum mit, zwei Kameras sind einsetzbar.

Bis Ende April stemmte die Crew über 30 Stream-Veranstaltungen. Die Streams verzeichneten im Schnitt 200 bis 300 Views, Tendenz nach oben. Höhepunkte waren der Auftritt von Tim Allhof im neu hinzugestoßenen Jazzclub und Errdeka auf der Brechtbühne mit jeweils knapp 400 bis 500 Zuschauern. Einen knappen 500er-Rekord legte auch die »Ultimative (interaktive) FCA-Chart-Show« aus der Fußballkultur-Kneipe 11er hin. Vielfalt im Programm ist den Programmplanern wichtig, Qualität und Kompaktheit sollen überzeugen. Und dabei gelingt elegant ein Publikumsspektrum von fünf bis, ja: 80 Jahren. Letzteres Alter hatte ein Fußballfan, der von der Ankündigung der FCA-Chart-Show so begeistert war, dass er zahlreiche Altersgenossen informierte, die in die Viewerzahl stolz miteinflossen.

Digital ist besser. Im Moment.

Bernhard Klassen, den der Leser nicht sehen kann, weil er gerade ja nur einen Artikel liest, und den der Kolumnist wiederum nicht sehen kann, weil wir wegen Corona-Kontaktsperre auf  Telefonaustausch zurückgreifen müssen, Klassen jedenfalls ist nicht nur stellvertretender Vorstand der federführenden Club- und Kulturkommission (CUKK), er ist auch restlos begeistert: »Man kann einfach sehen, wie genial die Augsburger Kultur- und Kreativwirtschaft ist, wieviel Künstler und Kulturschaffende es gibt und wie genial es ankommt, wenn man sie erstmal losgaloppieren lässt.«

Die Basis des Projekts, das Streaming, wird finanziert durch Mittel der CUKK, Sponsoringgelder und zu Redaktionsschluss noch erhoffte Fördermittel seitens der Stadt. Wichtig aber: die Spenden der Viewer. Um den Kulturveranstaltern in und aus der Krise beim Überleben zu helfen. Auch Spenden-Goodies gibt es: T-Shirts (»I’m just a streamer«) und Tickets für ein Post-Corona Indoor-Festival. Dennoch: Das Angebot soll kostenlos bleiben. Klassen sieht das Streaming-Projekt als kulturelle Grundversorgung. Und: als öffentliches Display dessen, wie mannigfaltig kulturelle Schaffenskraft in Augsburg sein kann.

Das aktuelle Streamprogramm für Mai ist zu finden auf www.clubundkultur.tv, die Spendenkampagne unter www.startnext.com/club-und-kulturrettung


Foto oben, © Mategroup: Ein Höhepunkt des Club- und Kulturstreams war Ende April das Stay Home Festival, Augsburgs erste Online-Festspiele live aus dem Kühlergebäude auf dem Gaswerkgelände.

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