Club & Livemusik

Cтранно, но круто!

Martin Schmidt
2. September 2015

Diagnose Arschgesicht. Tschulligung, aber das ist der wohl herzallerliebste Bandname des Monats September. Auch gut im Rennen liegen im ersten goldenen Herbstmonat »Bösedeath« und »Urinal Tribunal« (Augsburg Death Fest, Samstag, 19. September, Ballonfabrik). Wie gut, dass da auch Künstler in die Stadt kommen, die eher beruhigende Normalo-Namen tragen wie etwa »Andreas Kümmert« (→ »The Voice of Germany«) oder »FC Augsburg« (→ »Open Air Konzert gegen Hoffenheim« am Samstag, 26. September, WWK Arena).

Das wird das kleine süße Soho noch nicht erlebt haben: Am Freitag, 29. September, sind die Riot Raver Little BIG aus St. Petersburg zu Gast. Sie sind die wodkagetränkte Sch(n)ittmenge aus Die Antwoord und Scooter, aus The Prodigy und Vengaboys. Russy Pussy Ritalin Riot, sozusagen. Oder auch nicht. Jedenfalls war das irre Quartett, das sich selbst einfach Russian Rave Band nennt, tatsächlich schon Support für Die Antwoord, das sagt vieles, sogar alles, und gratis dazu gabs einen Bericht im noblen »Arte Tracks«. Im Presseinfo steht ganz passend: »Nicht verpassen oder sie verpassen dir eine!«

Ritalin, Wodka, Riot. Es macht Spaß, jetzt gedanklich zum Legoland bei Günzburg zu hüpfen. Denn dort in der Nähe, ganz genau in 89364 Rettenbach, ist der Sitz des Labels Civilisation Records. Seit 20 Jahren wird hier die erquickende Nachricht von Crust und Hardcore verkündet, verwaltet und versandt. Das 20-jährige Jubiläum wird nun im nahen Augsburg in – gute Wahl – der Ballonfabrik gefeiert. Mit einem zweitägigen Festival am Freitag, 25., und Samstag, 26. September. Zum Fest laden Cause of Divorce, Distress, Eu’s Arse, Morbid Mosh Attack, Warfare, Kalashnikov, B.S.O.N., Killbite, Corrosive, Per Capita und Krake. Die Internetseite des Labels hat übrigens den herzerfrischenden Domainnamen »give-em-hell.com«, und das könnte wohl auch das Motto des Festivals werden. Trotzdem: Vegan Food, zubereitet von der Tierrechtsinitiative Augsburg. Sehr gut.

Lo-Fi Psych im City Club

Der Leser wird fragen: »Riot Rave?! Crust und Hardcore?! Und wo soll ich hingehen, wenn ich normal bin?« Gute Adresse vielleicht: der bodenständige Andreas Kümmert (»The Voice of Germany«), der Pop-Rock-Blues-Mann, der trotz Sieg beim Vorentscheid seine Teilnahme am Eurovision Song Contest zurückgestellt hat und – viel bessere Wahl – am Samstag, 12. September, in der Kantine spielt. Okay. Oder stehen Sie mehr auf Indie? Und wenn ja, dann richtig? Und etwas verschwurbelter? Kümmert-fern gut durchgehangenes Psychedelic-Twangtwang? Dann ist es gut, am Samstag, 12. September, in den City Club zu kommen. Die spleenigen Sonny & The Sunsets (San Francisco) spielen hier ihre wunderbar lässigen Lo-Fi-Psych-Folk-Perlen. Die Band um Sonny Smith ist übrigens eine kleine San-Francisco-Allstar-Combo, mit dabei ist sogar ein Mitglied von Ty Segall (!). Neben Berlin wird dies die einzige Show der Tour in Deutschland sein.

So, und jetzt zum Schluss muss natürlich noch mal zu Diagnose Arschgesicht zurückgekehrt werden. Die sind eine NOFX-Coverband aus Nürnberg und spielen zusammen mit Dave and Mighty und Fire and Steel beim Punkrock-Cover-Abend in der Ballonfabrik (Samstag, 5. September, 21 Uhr). Dave and Mighty präsentieren dabei Punk im Gewand von 90er-Eurodance, spielen also Punk auf Synthesizern. Diagnose: Könnte ein denkwürdiges Event werden. Jungs, strengt euch an, ihr verdankt eure Erwähnung in dieser Kolumne vorrangig eurem Bandnamen! Genau, eben: Cтранно, но круто!

Foto: Genossinnen und Genossen, die Druckrechte für dieses Bild wurden von der Redaktion gegen Aushändigung mehrerer Wodkaflaschen erworben. Es zeigt Little BIG (St. Petersburg). Pere-destroy-ka zum Raven, Tanzen, Wundern, Trinken. A bisserl »Die Antwoord« geht immer, a bisserl »Scooter « sowieso, und mit krankem Eurodance und viiiel Riot Trash wird’s eine Sause.

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