Dämonenjagd

der freischuetz_theater augsburg 2017_foto jan-pieter fuhr
3. Oktober 2017 - 17:36 | Bettina Kohlen

Das Theater Augsburg eröffnet mit Carl Maria von Webers romantischer Oper »Der Freischütz« die neue Spielzeit und die neue Bühne im martini-Park.

Das 1821 uraufgeführte Werk, das schnell zum unpathetischen deutschen Nationalepos avancierte, erzählt eine Geschichte, die zur Zeit der Romantik genau den Nerv traf: eine märchenhafte von Prüfung bestimmte Liebesgeschichte mit abgründig-dunklen Seiten, wie sie im Schauerroman der Epoche populär geworden waren. Regisseur Hinrich Horstkotte, der auch die Kostüme entworfen hat, rückt dieses Unheimliche und das Grauen in den Fokus seiner Inszenierung.

Der Jäger Max und Agathe, die Tochter des Jägermeisters Kuno möchten heiraten, doch zuvor muss Max einen »Probeschuss« abgeben. Nur wenn seine Kugel den Hirsch perfekt trifft, kann er seine Liebste ehelichen. Max aber ist nervös, denn in letzter Zeit ist er nicht so treffsicher wie sonst. Sein Jägerkollege Kasper, ehemals Konkurrent um Agathes Gunst, schlägt ihm einen Deal mit dem Teufel vor, um sich selbst aus dessen Fängen zu befreien. Max kann sieben Kugeln gießen, von denen sechs jedes von ihm gewünschte Ziel treffen – doch was die siebte trifft, entscheidet Samiel, der Teufel.

Horstkotte konzentriert alles auf die Seelenzustände seiner Protagonisten, denen er Doppelgänger und Zwillinge zur Seite stellt. Diese Spiegelung zeigt vor allem die inneren Dämonen der Akteure, die äußerlich sehr ähnlichen Kaspar und Max verschwimmen beinahe zu einer Person. Und der Teufel taucht gar nicht auf, denn das ist jeder selbst… Das Geschehen hat der Regisseur in die Entstehungszeit der Oper mit offenen Anklängen an Schauerromane gelegt, doch zeigt er deren subtil-abgründigen Horror aus dem Blickwinkel des expressionistischen Films um 1920. So agiert auch das Bühnenbild (Siegfried E. Mayer): Räume verengen sich, Proportionen und Richtungen verändern sich, Wände lösen sich auf, Bühne und Akteure werden von projizierten Schatten und zeichenhaften Wesen überlagert (Sophie Lux), die zusätzlich für Irritation sorgen. Die konkrete Raumsituation fügt eine weitere Ebene fügt hinzu, die das reizvolle Spiel mit oszillierenden Unsicherheiten permanent als solches bewusst macht.

Die Zuschauer sitzen in stark ansteigenden parallel zur Bühne laufenden Stuhlreihen, so dass sie auf allen Plätzen uneingeschränkt die Bühne einsehen, aber auch in den Orchestergraben blicken. Die Akustik gerät recht trocken und der Orchesterklang füllt klar und transparent, dennoch mit Wärme den Raum; im Zusammenspiel mit den Sängern aber zeigen sich deutliche Schwächen. Die zahlreichen Textpassagen sind gut zu verstehen, doch die Männerstimmen haben Mühe, nicht hinter dem Klang der Instrumente zu verschwinden. Die höheren Lagen der Frauenstimmen kommen leichter, aber auch nicht wirklich zufriedenstellend über die Rampe. Hinzu kommt das zwar leise aber permanente Rauschen der Lüftung. Unabhängig von den raumakustischen Einschränkungen fallen die Stimmen der Männer gegenüber denen der Frauen leider ab. Wolfgang Schwaninger (Max) und Alejandro Marco-Buhrmester (Kaspar), im Ton etwas dumpf und glanzlos, überzeugen nicht völlig. Besser kommt Wiard Witholt (Ottokar) rüber und vor allem Thaisen Rusch (Kilian), der auch schauspielerisch überzeugt – nicht unwichtig in einer dreistündigen Inszenierung mit viel Sprechtext. Den Akteuren fällt das Sprechen nicht immer leicht, so dass die Dialoge reichlich hölzern wirken. Sehr zum Gelingen tragen die weiblichen Solostimmen bei. Sally du Randt (Agathe) braucht zwar einen kleinen Anlauf, doch im zweiten Akt ist sie dann ganz da, intensiv und dramatisch. Gut eingeführt hat sich Jihyun Cecilia Lee (Ännchen), die mit ihrem voluminösen klaren Ton und ihrer Präsenz ein Gewinn für das Theater Augsburg ist. Die beiden Partien sind alternativ mit Josefine Weber (Agathe) und Cathrin Lange (Ännchen) besetzt. Chor und Extrachor unterstützen das Bühnengeschehen mit bewährter vokaler Spielfreude. Wirklich stimmig musiziert das Philharmonische Orchester unter Domonkos Héja und lässt bei aller gebotenen zarten Klarheit eindrücklich immer wieder das subkutane Dunkle hervorschimmern: das diffuse Grauen bleibt präsent. Alles in allem überzeugt dieser Freischütz inszenatorisch und musikalisch, doch ganz rund ist die Sache nicht. Da geht noch was.

Nächste Vorstellungen am 5./8./13./31. Oktober.

www.theater-augsburg.de

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