Defizit oder Potenzial

24. Januar 2018 - 8:10 | Gino Chiellino

Für seine Kolumne »Deutsch richtig und gut« hat Gino Chiellino Begriffe gesucht, die er paarweise umschreibt, um zu zeigen, wie er sie anders versteht als seine Gesprächspartner. Teil 18: Defizit oder Potenzial.

Die fulminante deutschsprachige Karriere der Einwanderer von Gastarbeitern zu ausländischen Arbeitern, von ausländischen Mitbürgern zu EU-Bürgern und bis zu Bürgern mit Migrationshintergrund wurde von aufklärenden Geistern mehr als strapaziert. Parallel dazu hat eine kaum bekannte Entwicklung/Karriere jener Wissenschaften/Wissenschaftler stattgefunden, die sich um den Istzustand und weniger um die Zukunft der Einwanderer bemüht haben. In den Siebzigerjahren waren die Ausländerdidaktiker und Soziologen en vogue, ihnen folgten unter anderem die Didaktiker für Deutsch als Fremdsprache oder als Zweitsprache. Als alle Stricke rissen, begann das große Recycling und über Nacht explodierten die Experten der Interkulturalität im Bereich der Didaktik, der Kommunikation, der Psychologie, der Philosophie und der Literaturwissenschaft. Die Explosion fand deswegen nächtlich statt, weil die morgendlichen Experten in bedrängenden Fragen einer interkulturellen Zukunft im Land bis zum Vortag nirgendwo untergekommen waren. Unter den eklatantesten Ergebnissen ihrer Leistungen gab zum Beispiel die Entdeckung der Entwurzelung der Gastarbeiter in den Siebzigerjahren, ihr folgte die Zerrissenheit der zweiten Generation, eine sehr modische Identitätskrise in den Achtzigern, die Zertifizierung ihrer Bildungsferne am Anfang des 21. Jahrhunderts, und zur Krönung der Forschung fand die interkulturelle Statistikwissenschaft vor Kurzem heraus, dass 15 Millionen Bürger Acht auf ihren Migrationshintergrund zu geben haben, wenn sie sich mit ihm in der Öffentlichkeit zeigen.

Keines dieser Ergebnisse bzw. Themen ist in den Werken führender interkultureller Romanciers und Dichter Europas zu finden, wie Vassilis Alexakis, Fleur Jaeggy, Albert Memmi, Libuše Moníková, Cyrus Atabay, Franco Biondi, Jorge Semprún, Tahar Ben Jelloun, Aysel Özakın, François Cheng, Ota Filip, Theodor Kallifatides, Ágota Kristóf, Gëzim Hajdari, Aras Ören. Nicht einmal die im Europa der Achtzigerjahre grassierende Identitätskrise machte ihren Protagonisten zu schaffen. Ihre Protagonisten und Nebenfiguren sind mit einer robusten Berufsidentität als Arzt, erfolgreicher Schriftsteller, emanzipierte Frau, Sozialarbeiter, Karikaturist oder einfacher Fabrikarbeiter ausgestattet. Sie haben ein klares Bild ihrer selbst, das ihnen einen realistischen Zugang zu ihrem Alltag in der Fremde ermöglicht. So gesehen lautet die zwingende Frage: Wie kommt eine solche Diskrepanz zwischen den Ergebnissen der Sozialwissenschaften und den Werken der interkulturellen Schriftsteller Europas zustande? Zugegeben, die betreffenden Werke sind in den ungetrübten Zeiten des Wirtschaftsaufbaus und der Vollbeschäftigung entstanden. Es kann auch sein, dass ihre Verfasser ein Gegenbild von dem entwerfen wollten, was in den Medien jener Zeiten über den Istzustand der Einwanderer zu lesen war. Aber wenn dem so ist, wie haben sie ihren Gegenentwurf begründen und glaubwürdig gestalten können? Hier offenbaren sich zwei gegensätzliche Wahrnehmungsmuster derselben Inhalte, die sich folgenderweise auf den Punkt bringen lassen: Die Sozialwissenschaften, die nach den 68er-Ereignissen mit ihrem Engagement immer mehr zu Reparaturwerkstätten verkamen, beschränken sich auf konkrete, sofortige Maßnahmen, um den Einwanderern, die sie als Träger von bestimmten Defiziten definiert haben, zu helfen. Neben dem unbestreitbaren Sprachdefizit der Einwanderer entdecken sie immerwährend neue Defizite (siehe oben), die den Einsatz weiterer spezifischer Wissenschaftszweige erforderlich machen. Sie sind nicht in der Lage oder betrachten es nicht als ihre Aufgabe, Wahrnehmungs- und Berechnungsmodelle zu entwerfen, um die autonome, konstruktive Beteiligung der Einwanderer an der Entwicklung des Landes zu würdigen.

Die interkulturellen Schriftsteller, die ihr Sprachdefizit kreativ überwunden haben, richten ihre Aufmerksamkeit eher auf das Entwicklungspotenzial, das Einwanderer in sich haben. Infolgedessen entwerfen sie in ihren Werken Modelle, an denen abzulesen ist, wie sich das Potenzial sich entfalten kann und wie es zu den robusten Berufsidentitäten führt, die ihre Protagonisten ausleben. Es wäre zweifelsohne hilfreich, wenn monokulturelle Wissenschaftler interkulturelle Literatur lesen würden, nicht als Informationsquelle, sondern um herauszufinden, wo man hinkommt, wenn man auf Entwicklungspotenzial setzt, anstatt Defizite zu entdecken. Inzwischen ist Willkommenskultur angesagt und das Entwicklungspotenzial steht auf der Tagesordnung. Eine Willkommenskultur ohne das Würdigen des Entwicklungspotenzials, das Einwanderer in sich tragen, ist zum Scheitern verurteilt, vorausgesetzt, dass die Willkommenskultur kein Erlebniswort ist, mit dem sich hilflose Experten bei Laune halten.

Wie gesagt, für Exilierte, Einwanderer und Flüchtlinge ist es vernünftig, Deutsch richtig und gut zu lernen. Unvernünftig ist die damit verbundene Hoffnung, hinterher könne man sich mit den Staatsbürgern des Landes verstehen. Gesprächspartner verstehen sich, weil sie sich verstehen wollen und deswegen auf ihr Entwicklungspotenzial setzen, auch weil sie sich ihrer Defizite bewusst sind.

»Deutsch richtig und gut« lautete der Titel der Fibel, mit der sich Chiellino 1970 in Düsseldorf Deutsch beibringen wollte. Der interkulturelle Literaturwissenschaftler, Dichter, Essayist, Herausgeber und Übersetzer wurde unter anderem mit dem Adelbert-von-Chamisso-Preis für sein lyrisches Werk ausgezeichnet.

www.chiellino.eu

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