Dem Mond auf der Spur

9. Februar 2020 - 21:29 | Iacov Grinberg

Anja Güthoff stellt unter dem Titel »luna X« im »Fotodiskurs« am Berghof aus.

Die Räumlichkeiten des Pavillons am Berghof sind eng. Dem »Fotodiskurs«, der dort in den letzten Jahren regulär seine Heimat gefunden hat, bereitet dies einige Schwierigkeiten: Man kann nur wenige Arbeiten platzieren, einige, die eine Betrachtung aus der Distanz erfordern, sind schwierig zu präsentieren. Verschiedene Künstler*innen versuchen dennoch, den Betrachtern in diesen Räumlichkeiten ihre Gefühle zu vermitteln. Diesmal ist es Anja Güthoff unter dem Titel »luna X«.

Aus welchem Anlass die Künstlerin den Mond als Thema wählte, blieb für mich zunächst rätselhaft. Einige Erwähnungen während der Vernissage, dass heute Vollmond ist und dies den Schlaf der Anwesenden stören könnte, halfen nicht. Also suchte ich selbst nach Antworten.

Im Ausstellungsraum steht eine kindliche Abbildung einer Rakete mit einem Eimer oben und einer Saugglocke als Spitze, rostige Überreste einer irgendwo gefundenen Karre, mit der man Linien auf einem Fußballfeld zieht. Auf einem Tischlein liegen bzw. hängen schwarze Lappen. An den Wänden sind zahlreiche astronomische Fotos angebracht, die Sternenhaufen und -nebel in ihrer ganzen Farbenpracht zeigen, einige Fotos mit angeblichen UFOs und eine schwarz-weiße Abbildung der Mondscheibe. Zudem eine Zeitung aus dem Allgäu, »Amtsblatt sämtlicher Ämter« vom 21. Juli 1969.

Ganz oben auf dieser Publikation war natürlich die Nachricht über die Mondlandung (20. Juli 1969) zu lesen, darunter wurde das alltägliche Leben abgebildet: die Tabelle einer Fußballliga, Lottozahlen, die Mitteilung über die Rede des Bundespräsidenten Heinrich Lübke, in der er vor der Gefahr eines neuen Nationalismus warnt. Meldungen über Schmierereien an Gedenkstätten und Reaktionen auf diese Vorfälle. Die ägyptische Mitteilung über den angeblichen (heute wissen wir, dass dies gelogen war) Sieg über das israelische Militär.

Ich war so erstaunt über die »Nachhaltigkeit« dieser Zeitungsthemen, die auch über 50 Jahre später weitestgehend noch aktuell sind, dass ich an nichts anderes mehr denken konnte. Man trifft bei Ausstellungen manchmal auf Objekte, welche die ganze Aufmerksamkeit beanspruchen, obwohl sie für die Schau selbst nicht besonders wichtig sind. Auf die Frage meiner Begleiter, die mit der Ausstellung sehr zufrieden waren und auch Kataloge der Künstlerin kauften, wie ich denn die Werke nun finde, konnte ich nichts Vernünftiges antworten – ich verwies nur auf die Zeitung.

Ich kann Ihnen, liebe Leser*innen, nur empfehlen, selbst die Ausstellung anzusehen, was noch bis zum 16. Februar möglich ist. Vielleicht finden Sie, was ich ursprünglich zu finden versuchte.

www.fotodiskurs.info

Foto: Tarantula Nebula, NASA

 

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