Literatur

Vor dem Vergessen bewahrt

Patrick Bellgardt
26. September 2019

Der polnische Pharmazeut Tadeusz Pankiewicz betrieb in Krakau die Apotheke Pod Orłem (»Unter dem Adler«). Als die Nazis 1941 im Stadtteil Podgórze ein »jüdisches Wohnviertel« errichteten, fand sich sein Geschäft über Nacht innerhalb eines abgeriegelten Ghettos wieder. Während sich die perfide Terrormaschinerie allmählich in Gang setzte, zunächst Ausgrenzung, später Deportationen und Ermordungen auf der Tagesordnung standen, entwickelte sich die Apotheke zu einem Ort der Hoffnung für die Verfolgten. Pankiewicz zeigte Menschlichkeit in dunkelsten Zeiten. Er half, wo er nur konnte, bot Versteck und Unterschlupf, besorgte Lebensmittel und Medikamente.

Nach dem Krieg schrieb Pankiewicz seine Erinnerungen auf. In deutscher Sprache erschien »Die Apotheke im Krakauer Ghetto« 1995 lediglich in einer Auflage. Zuletzt war das Buch lange Jahre nur noch antiquarisch erhältlich. Dies sollte sich erst durch die Krakau-Exkursion eines Münchener Seminars für Sprachgestaltung ändern: Durch die Erzählungen der Reiseteilnehmer*innen wurde der Friedberger Immobilienmakler Jupp Schluttenhofer auf Pankiewicz’ Geschichte aufmerksam. Erschüttert und berührt, reifte bei dem gelernten Schriftsetzer die Idee, das Werk des Apothekers neu aufzulegen.

Nach langwierigen Recherchen und einigen Geduldsproben konnte Schluttenhofer die Lizenz zum Nachdruck erwerben. Seit Ende 2017 ist »Die Apotheke im Krakauer Ghetto« – auch dank der Unterstützung von Sarah und Benno Käsmayr vom Augsburger Maro-Verlag – wieder in Deutschland erhältlich. In Kooperation mit der Buchhandlung am Obstmarkt wurde der Reprint nun nochmals der Öffentlichkeit vorgestellt. Im bis auf den letzten Stuhl voll besetzten S-Forum der Stadtbücherei sprach Stefan Mack vom Verein »Gegen Vergessen/Für Demokratie« mit dem Verleger. Schauspieler Matthias Klösel las in eindrucksvoller Art aus einigen der bewegendsten Passagen des Buches. Musikalisch virtuos umrahmt wurde der Abend von der Klezmer-Gruppe Feygele.

»Der Nationalsozialismus kam nicht als Tsunami, er kam schleichend«, machte Schluttenhofer deutlich. Im Hinblick auf heutige politische Strömungen gäbe es erneut gefährliche Bestrebungen, »zu selektieren, wer Mensch ist und wer nicht«. Vor diesem Hintergrund konnte er nicht anders, als diese Geschichtsquelle ersten Ranges vor dem drohenden Vergessen zu bewahren – und durch eine Neuauflage lebendig zu halten. Schluttenhofer mit einem Augenzwinkern: »Einer musste es ja machen.«

Pankiewicz’ erschütternde Aufzeichnungen können Impulse geben, im Alltäglichen Rückgrat zu zeigen, menschenverachtenden Entwicklungen in unserer Gesellschaft entgegenzutreten. Die einstige Apotheke am heutigen Plac Bohaterów (Heldenplatz) beherbergt inzwischen ein Museum. Es dokumentiert die Ungeheuerlichkeiten des Krakauer Ghettos und das heldenhafte Wirken des 1983 als »Gerechter unter den Völkern« ausgezeichneten Apothekers. Neben der englischen und polnischen Ausgabe ist dort nun auch wieder eine deutschsprachige Fassung des Buches »Die Apotheke im Krakauer Ghetto« zu finden.

Unter a3kultur.de/positionen/gerechter-unter-den-voelkern lesen Sie die Buchbesprechung von a3kultur-Autor Dieter Ferdinand aus dem Frühjahr 2018.

»Die Apotheke im Krakauer Ghetto«, 288 Seiten, mit einem Vorwort von Ignatz Bubis und einem Geleitwort von Teddy Kollek ist zu einem Preis von 25 Euro im Handel erhältlich.

www.die-apotheke-im-krakauer-ghetto.de


Foto, von links (klick hier zum Vergrößern): Moderator Stefan Mack, Herausgeber Jupp Schluttenhofer und Schauspieler Matthias Klösel.

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