Demontage

28. März 2019 - 8:10 | Gast

»Peinlich« findet Reinhold Forster die aktuelle Brechtausstellung in der Staats- und Stadtbibliothek. Ein Gastbeitrag

Mit der Ausstellung »… vollens ganz zum Bolschewisten geworden …?« setzt der Augsburger Brechtforscher Jürgen Hillesheim seine Demontage Brechts als Revolutionär fort. Im begleitenden Ausstellungskatalog versteigt er sich gar dazu, Brecht als »Konterrevolutionär« zu bezeichnen, als ob er auf der Seite der Freikorps aktiv gegen die Revolution gekämpft habe. Dabei lehnte Brecht die Revolution nicht ab, war aber »freilich gegen jede Gewalt«, wie er im vielfach zitierten Brief vom 15. April 1919 an Paula Banholzer betont.

Im Rückblick beschreibt sich Brecht selbst zu Beginn der Revolution als einen von vielen Soldaten, »die selbstverständlich von dem Krieg genug hatten, aber nicht imstande waren, politisch zu denken«. Er selbst habe es verstanden, »durch Glück begünstigt«, sich einem Fronteinsatz zu entziehen. Wenn Hillesheim aber davon spricht, er habe sich vor einem Fronteinsatz »gedrückt«, so bedient er – bewusst oder unwissentlich – das Narrativ rechtsnationalistischer Kreise, wonach vor allem die Feigheit und die Drückebergerei von Juden und linken, pauschal als »Bolschewisten« oder »Spartakisten« bezeichneten Intellektuellen schuld an der Niederlage Deutschlands gewesen seien. Wenn sich Brecht selbst im Brief an Paula Banholzer als »Bolschewist« bezeichnet, so kann das nur ironisch gemeint sein, denn sich selbst bezeichneten die Revolutionäre als »Unabhängige (Sozialisten)«. Und wenn sich Brecht an anderer Stelle als »unabhängiger Unabhängiger« bezeichnet, dann ist das keine Absage an die Revolution, sondern entspricht seiner Haltung als aufmerksamer, mit der USPD sympathisierender Beobachter, der sich selbst aber nicht vereinnahmen lassen oder gar aktiv beteiligen möchte. Ein Konterrevolutionär war er aber auf keinen Fall.

Zur »Mischung aus groben Fehlinterpretationen, zahlreichen entscheidenden Auslassungen in Bezug auf Werk und Leben, pseudokritischen Bemerkungen und unbewiesenen Unterstellungen« – so Jakob Hayner in der Januarausgabe der renommierten Zeitschrift »Theater der Zeit« über Hillesheims Artikel in der FAZ vom 15.11.2018 - gehört auch die These, die »Legende vom toten Soldaten« meine die Revolution, wenn vom »fünften Lenz« die Rede ist, in die der Krieg geht. Hier wird schlicht die Ende 1918 durchaus realistische Befürchtung ausgesprochen, dass der Krieg sich noch bis in das nächste Jahr hinziehen könnte und dass dann auch halbtote Invaliden rekrutiert würden, um den sinnlosen Kampf fortzusetzen.

Geradezu peinlich sind die äußeren Rahmenbedingungen der Ausstellung in der Staats- und Stadtbibliothek: Möchte man die Ausstellung besuchen, muss man sich erst an der Buchausgabe anmelden, um dann persönlich zur Ausstellung begleitet und beaufsichtigt zu werden. Die Ausstellung selbst befindet sich in einem euphemistisch als »Cimeliensaal« bezeichneten, ungeheizten (!) Raum, der eher einer Abstellkammer gleicht. Und die Ausstellungsstücke, zumeist aufgeschlagene Zeitungsbände und etliche Druckausgaben von Brechtwerken, befinden sich in grau angestrichenen hölzernen Vitrinenschränken. Möchte man dann den Ausstellungskatalog erwerben, so wird man namentlich in eine Verkaufsliste eingetragen … So wird der Ausstellungsbesuch zu einem Erlebnis der ganz besonderen Art, der einem vor allem auch aufgrund seiner skurrilen Umstände lange in Erinnerung bleiben und das Image der Brechtstadt nachhaltig »verbessern« wird.

Der Historiker und Geschichtsvermittler Reinhold Forster betreibt die »Geschichtsagentur Augsburg«.

www.geschichtsagentur-augsburg.de

 

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