Den Spiegel vorgehalten

24. August 2018 - 9:39 | Dieter Ferdinand

Molières Komödie »Tartuffe« wurde am 15. August im griechischen Theater Heretsried aufgeführt.

1622, sechs Jahre nach Shakespeares Tod, wurde in Paris Jean-Baptiste Molière geboren. Das Theater war sein Leben: als Schauspieler, Direktor und Dichter großartiger Komödien. Die erste Fassung eines seiner größten Werke wurde ein Theaterskandal und führte auf Druck von mächtigen klerikalen Kreisen zum Verbot des Stückes. Erst die dritte Fassung wurde freigegeben und 1669 uraufgeführt. Das Münchner Sommertheater spielte im griechischen Theater Heretsried die noch immer aktuelle Komödie »Tartuffe«. Wiederum waren alle Plätze besetzt und das Publikum begeistert.

Tartuffe hat sich durch seine geheuchelte Frömmigkeit die Verehrung des Hausherrn Orgon und von dessen Mutter erschlichen. Alle anderen, voran die Zofe, durchschauen den Frömmler und wollen verhindern, dass Orgon ihm seine Tochter zur Frau gibt. Reden hilft nicht. Es hilft nur List. Die zudringliche Neigung Tartuffes zu Orgons Frau Elmire ist bekannt. Sie versucht, den Heuchler zu überführen. Erst beim dritten Anlauf mit ihrem Mann unterm Tisch lässt sich dieser von Tartuffes Falschheit überzeugen. Orgon aber hat ihm sein Haus mit aller Habe vermacht. Schließlich greift der König ein und lässt Tartuffe verhaften. Familie und Haus sind gerettet. Klick auf das Foto zum Vergrößern.


Das scheinbar triviale Spiel missfiel den damals Herrschenden. Allen voran jenem Teil des Klerus, der die Machtpositionen besetzte, damit aber unheilige Ziele verfolgte und mit dem auch Ludwig XIV. seine Not hatte. Die Klugheit der Frauen gefiel den Männern nicht. Das frühe Bekenntnis zur Aufklärung kam schlecht an. Diese Komödie hält jeder egoistischen Machtgier, Intrige und auch Verführbarkeit einen Spiegel vor Augen und das zu allen Zeiten.

Molière setzt Wortwitz und Situationskomik ein. Regisseurin Ulrike Dissmann bietet eine gereimte Nachdichtung und selbst entworfene Kostüme im Stil des 17. Jahrhunderts. Die Schauspieler*innen agieren in Mimik, Gestik und deutlicher Artikulation meisterlich. Besonders zu nennen sind stellvertretend Christoph Hirschauer als Tartuffe und Orgons Mutter sowie Lisbeth Hampe als unerschrocken redegewandtes Hausmädchen Dorine.

Am 17. Februar 1673 stirbt Molière. Er bricht auf der Bühne zusammen während eines Auftritts als Titelheld Argan in »Der eingebildet Kranke«. Ein christliches Begräbnis wird ihm verwehrt. Da die geweihte Erde laut dem Erzbischof drei Fuß tief reicht, befiehlt Ludwig XIV.: »Dann begrabt ihn halt vier Fuß tief.«

Anatole France urteilt in einem Brief an Émile Zola: »Molière war ein Weltmoment des menschlichen Gewissens.«

www.griechisches-theater-heretsried.de
www.muenchner-sommertheater.de

Foto/Illustration: Münchner Sommertheater

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