Das Desaster der Liebe und ihrer Spiele

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11. Juni 2019 - 10:47 | Bettina Kohlen

Gaetano Donzettis Komische Oper »Don Pasquale« setzt auf konsequentes Liebesgewirr. Die Inszenierung am Staatstheater Augsburg ist in dieser Spielzeit nur noch kurz zu sehen, kommt aber in der nächsten Saison wieder auf die Bühne im martini-Park.

Da sitzt einer am Rand der Bühne, nicht mehr jung, nicht gerade schlank, altbackene Strickjacke. Doch dann bricht die Ouvertüre über ihn herein und es geht rund. Nicht nur für Don Pasquale – um den handelt es sich bei dem Herrn. Ernesto, Neffe und Erbe dieses vermögenden Junggesellen, möchte die mittellose Norina heiraten. Dem Onkel passt das gar nicht, er stellt Ernesto vor die Wahl: Entweder reich heiraten oder er, Don Pasquale, geht selber den Bund der Ehe ein. Da Ernesto nicht einsichtig ist, muss also eine Braut für den Onkel her. Dessen Arzt, Doktor Malatesta, legt ihm seine tugendhafte Schwester Sofronia ans Herz. Der Don ist begeistert, es soll geheiratet werden. Was er nicht weiß – aber natürlich das Publikum: Sofronia ist Norina, das Ganze ist ein schräg-intrigantes Spiel, bei dem bald klar wird, wer erfolgreich aus der Sache heraus geht. Der für Don Pasquale leidvolle, für die Zuschauer*in um so amüsantere Zwischenschritt ist eine kurzfristige Ehe des Grauens. Doch am Ende des bösen Durcheinanders bekommt die kluge gewitzte Norina ihren Ernesto und dieser darf später irgendwann erben …

Das wilde Hin und Her der Beziehungen und Absichten ist zum einen ein typischer Plot der komischen Oper, bei dem die Jungs nicht gut aussehen, passt in seiner beinahe tragischen Banalität aber ebenso sehr ins heute. Konsequent verlegt Regisseurin Corinna von Rad das Geschehen in die Gegenwart mit ihren Partnersuchmöglichkeiten: Agenturen, Shows und Selbstoptimierung werden bemüht, um die ideale Partner*in zu ergattern. Das schlichte graue Setting (Rolf Käselau) scheint eine Art Fernsehstudio zu sein, in dem das Bühnengeschehen beinahe zu einer trashigen Doku-Soap gerinnt. Auf einer unübersehbar über dem Ganzen schwebenden Anzeigetafel erscheinen wechselnde Sinnsprüche der Marke »fake it till you make it«. Auch an Flitter und exaltierten Kostümen (Sabine Blickenstorfer) herrscht kein Mangel: da gibt es Hasenkostüme, goldene Lametta-Kleider und als Höhepunkt ein wildes Tüllgebirge als Hochzeitskleid.

Das unterhaltsame Chaos auf der Bühne wäre nichts ohne gute Akteure. Die Gäste Florian Götz (im Wechsel mit Wiard Witholt) als Malatesta und Emanuele D’Aguanno als Ernesto bieten eine solide Leistung, bleiben dennoch ein wenig blass. Jihyu Cecilia Lee (die sich die Rolle mit Olena Sloia teilt) stöckelt als Norina sehr entschieden umher – hier lässt sich eine nicht die Butter vom Brot nehmen. Sie weiß genau, was sie will und wie sie es bekommt, doch lässt sie immer wieder eine irritierende Poesie anklingen, die eine Tiefe andeutet, die über Vorteilsdenken hinaus geht. Souverän getragen wird die Inszenierung von Stefan Sevenich (jetzt als Gast, früher Ensemblemitglied), der als Don Pasquale in jeder Hinsicht ideal besetzt ist. Gesang, Artikulation und Spiel passen genau, auch seine erstaunliche Behändigkeit machen Zuschauen und Zuhören zur Freude.

Ob Donizetti wirklich, wie die Regisseurin äußert, nur Oberfläche ohne Botschaft liefern wollte, sei dahingestellt. Die Komplexität des musikalischen Geschehens entspricht nicht ganz dieser Lesart. Geht es auf der Bühne vielleicht arg plakativ zu, setzen die Philharmoniker*innen unter Leitung von Domonkos Héja musikalisch den Kontrapunkt. Dieses kontrastierende Zusammenspiel von Geschehen und Musik lässt zwar zwei Sichtweisen aufeinander los, macht aber so immer wieder darauf aufmerksam, dass vielleicht doch nicht alles im Leben so eindimensional ist … Großer Applaus, gute Unterhaltung – auch in der nächsten Spielzeit.

www.staatstheater-augsburg.de

Letztmals in dieser Spielzeit am 12. und 16. Juni, in der Spielzeit 2019/20 erstmals am 31. Oktober.

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