Design ist kein demokratischer Prozess

6. Februar 2019 - 8:47 | Jürgen Kannler

Am 8. und 9. Februar präsentieren die Absolvent*innen der Fakultät für Gestaltung an der Hochschule in Augsburg ihre Abschlussarbeiten bei der Werkschau 18/19. Ein Interview mit Dekan Daniel Rothaug

a3kultur: Herr Rothaug, die Studienplätze an Ihrer Fakultät sind gefragt. Die Ausbildung genießt einen guten Ruf. Wie marktfähig sind die Gestalter*innen, wenn sie Ihr Haus mit einem Abschluss in der Tasche verlassen?

Daniel Rothaug: Um wirtschaftliche Fragen kommt man nicht herum. Wir stellen uns ihnen und unsere Abgänger*innen haben eine hohe und erfolgreiche Gründungsquote – ohne dass sie noch ein BWL-Aufbaustudium absolvieren müssten.

Sind die Jugendlichen, die sich für eine Ausbildung bei Ihnen interessieren, darauf vorbereitet, dass es später vor allem auch um den Verkauf ihrer Arbeit geht?

Ich glaube, das Schöne an unserem Beruf ist, dass man frei entscheiden kann, wie man seinen Weg in die Wirtschaft finden will. Wir haben einen nennenswerten Anteil an Gründungen, aber auch klassische Agentur-Laufbahnen. Es gibt auch Absolvent*innen, die komplett neue Felder besetzen und in Forschungs- und Entwicklungsabteilungen gehen und damit den industriellen Aspekt des Gestaltens umsetzen. Das Spektrum an Arbeitsmöglichkeiten ist damit voll ausgeschöpft.

Was gibt es zur Gründeratmosphäre in unserer Region zu sagen?

Es passiert im Moment sehr viel. Ich habe den Eindruck, dass hier die Kreativszene schon immer sehr gründungsfreudig war. Und ich stelle fest, dass diese Szene von sich aus aktiv wird, um neue Start-ups zu unterstützen.

Wie beurteilen Sie die Unterstützung für Ihre Abgänger*innen vonseiten der Politik und Verwaltung, beispielsweise in Bezug auf Raumfragen?

Für Designer ist das eigentliche Atelier der Laptop. Das ändert jedoch nichts an der Notwendigkeit, Start-ups ein passendes räumliches Umfeld zu ermöglichen. Wenn ein Atelier zu klein ist, ist es für wachsende Firmen unattraktiv. Wenn es zu groß ist, ist es für kreative Keimzellen uninteressant. Es besteht immer die Gefahr, dass die Kreativszene von der Wirtschaftsförderung lediglich als eine Art Dekoelement hofiert wird. Die Gefahr besteht gerade auch in Augsburg. Da muss man wach bleiben und zusehen, dass die Stellschrauben richtig gedreht werden.

An welchen Stellschrauben wird denn in unserer Region gerade gedreht? Welche Angebote werden da gemacht?

Uns erreichen immer wieder Anfragen aus der Kreativszene. Aber wenn es um Räume geht, ist es für uns als öffentliche Einrichtung nur schwer möglich, uns daran aktiv zu beteiligen, obwohl wir gerne mit konkreten Projekträumen und Ausstellungsflächen stärker mit der Stadt und der Szene verwachsen wollen.

Auch die hochschulinterne Projektagentur HSA_transfer hat es sich zur Aufgabe gemacht, ein regionales Netzwerk zum Austausch und zur Bündelung von Ressourcen zu schaffen. Unter anderem ist dort ein Stadtlabor im Zentrum von Augsburg in Planung.

Und bei Projekten wie dem gerade entstehenden Kreativquartier am Gaswerk habe ich Sorge, dass dort genau der Effekt entsteht, den ich gerade beschrieben habe: dass das Thema zu ambitioniert und zu überteuert angegangen wird und sich deshalb nicht die Kreativszenen ansiedeln, die man dort eigentlich gerne hätte.

Was würden Sie sich wünschen? Welche Angebote sollten forciert werden?

Die Stadt sollte es sich zunutze machen, dass es hier eine Kreativszene gibt und man sich damit regional vor allem auch gegenüber München positionieren kann. Das ist es nämlich, was Augsburg ausmacht, dass es in Bezug auf seine Größe eine beachtliche und vielfältige Szene vorweisen kann. Es ist ein Standort, an dem es sich zu bleiben lohnt, das muss man den Absolvent*innen klarmachen.

Die Geschichte der Fakultät für Gestaltung ist eine Erfolgsgeschichte. Es ist ein Haus mit einem international guten Ruf. Sie sind für die strategische Ausrichtung der nächsten Jahre verantwortlich. Was haben Sie vor?

Das ist keine ganz einfache Frage. Die 300-jährige Geschichte der Fakultät ist durchaus etwas Besonderes. Die Arbeitsbereiche für Gestalter verändern sich im Berufsbild massiv. Wir überlegen gerade, wie eine Veränderung stattfinden kann, ohne die Wurzeln der Fakultät angreifen zu müssen. Heute geht es nicht mehr darum, künstlerisch aktiv am Markt zu sein, sondern über die Praxis des künstlerischen Arbeitens Fähigkeiten wie Kreativität und kritisches Denken zu erlernen, die heute von hohem wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Interesse sind.

Können Sie dazu etwas konkreter werden?

Aktuell sind an der Fakultät als Reaktion auf das veränderte Berufsbild beispielsweise zwei neue Masterstudiengänge in Planung. Es wird dabei weniger um die Gestaltung von Artefakten wie Plakaten, Broschüren, Websites oder Corporate Design gehen, sondern um prozessorientierte Designdisziplinen in den Bereichen Transformation und Identität. Beide werden deutlich interdisziplinärer ausgerichtet sein.

Die Gestalter*innen als Hohepriester*innen? Das zeigt ebenso wie das chinesische »personal score«-Programm oder die Facebookdeals, dass der virtuose Gebrauch digitaler Möglichkeiten Elemente moralischer und ethischer Verantwortung in sich trägt. Wie werden diese Themen in der Ausbildung behandelt?

Die werden im Prinzip schon bei den Grundlagen mit gelehrt, also wo es darum geht, dass Gestaltung davon lebt, dass das, was man tut, immer geprüft werden muss. Das Reflektieren ist einer der wesentlichen Bestandteile meiner Arbeit, egal was ich gestalte, eine Skulptur oder einen Algorithmus oder ein zweidimensionales Bild. Die Aufgabe von Gestaltung ist es, den Menschen eine Orientierung für den Alltag zu geben. Unsere Aufgabe an der Hochschule ist es, Leuten eine Handlungsorientierung zu geben, auch mitunter bei Prozessen, die manipulieren können.

Bei all den digitalen Möglichkeiten, die sich uns bieten, wie wichtig ist es da, den Studienplatz begreifbar zu verorten und nicht durch ein Computer-Programm zu ersetzen?

Man muss die Dinge bewusst sehen und erfahren. Das geht digital nur begrenzt. Ich kann hier eine Wand mit Entwürfen vollhängen und darüber reflektieren, was der richtige Ansatz ist. Gleichzeitig ist der Ort der »dritte Lehrer«, wenn man so will.

Sind die Student*innen auch das Arbeiten ohne Notebook gewöhnt oder ist der Fokus zu stark auf das Laptop begrenzt?

Das kann man nicht übergreifend beschreiben. Zwischen den Richtungen Kommunikationsdesign und Interaktive Medien sind deutliche Unterschiede zu erkennen. Im Bereich Interaktive Medien merkt man, dass es vielen schwerfällt, den Schritt vom Rechner zurück zu tun, auch mit analogen Medien zu arbeiten und diese zielgerichtet einzusetzen. Beim Kommunikationsdesign ist es anders, analoge Techniken sind wichtig. Insofern spielen die Artefakte auch eine wichtige Rolle. Sobald ich am Rechner arbeite, sind meine Ergebnisse dem Rechner ausgeliefert. Die Eigenschaften des Materials sind digital nicht so leicht kontrollierbar, wie ich es mit einem analogen Medium tun kann. Rein digital zu arbeiten bedeutet sich gestalterisch einzuschränken.

Sie setzen in der Ausbildung auch stark auf die gruppendynamischen Prozesse.

Wir haben so viele Fachgebiete und Themen, die nicht von einzelnen Akteuren besetzt werden können. Das heißt, dass für die großen Aufgaben, die anstehen, Gestalter teamfähig werden müssen. Es gibt sehr früh Projekte, in denen gemeinsam in Teams gearbeitet wird, im Studiengang Interaktive Medien werden sehr konkret Projektmanagementtechniken und entsprechende Werkzeuge gelehrt. Im Kontrast dazu ebenso das Zwischenmenschliche: Wie geht man bei einem Projekt miteinander um? Design ist kein demokratischer Prozess und somit eine Herausforderung, in Gruppen zu arbeiten.

Bei Ihren Werkschauen sieht man studentische Arbeiten von Game-Entwickler*innen bis hin zu klassischen Illustrationen. Bei den komplexeren Themen wie beispielsweise den Games frage ich mich: Wie kriegt man so einen Prozess in nur drei Monaten gesteuert, ein Team zu binden und eine Aufgabe in einem doch recht engen Zeitfenster umzusetzen?

Das ist auch für mich oft ein kleines Wunder. Architekten haben ja ähnliche Probleme. Dort werden im Studium auch keine Häuser gebaut, sondern eben nur entworfen. Wir reden auch bei uns immer nur von Teilaspekten, die wir realisieren. Es gab allerdings auch schon Arbeiten, die im Ergebnis so komplex und umfangreich waren, dass sie letztendlich ein fertiges Produkt wurden. Das geht allerdings nur mit extrem großer Leidenschaft und Engagement, aber auch dann ist es letztendlich ein Wunder, wie das in nur drei Monaten zu schaffen war.

Die Vernissage der Werkschau 18/19 findet am Freitag, 8. Februar, um 18 Uhr, auf dem Campus am Roten Tor, Gebäude M, statt. Am Samstag, 9. Februar, ist die Ausstellung von 12 bis 18 Uhr geöffnet.
www.hs-augsburg.de
werkschau.hs-augsburg.de

Daniel Rothaug studierte Kommunikationsdesign an der Fakultät Gestaltung der Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg. Zuvor arbeite er u.a. als Interfacedesigner bei Apple Computer. Während seines Studiums gründete er gemeinsam mit drei Partnern die Digitalagentur »Zum Kuckuck« in Würzburg. Sie wurde von den Zeitschriften Brand Eins, Page und Horizont mehrfach zu den kreativsten Agenturen für digitale Medien in Deutschland gewählt. Seine Arbeiten erhielten über 150 nationale und internationale Auszeichnungen. Seit 2013 ist Rothaug Professor für Interfacegestaltung an der Hochschule Augsburg, seit 2017 Dekan der Fakultät für Gestaltung.
www.danielrothaug.com

Foto: Frauke Wichmann

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