Theater & Bühne

Ein deutsch-jüdischer Kriminalfall

Iacov Grinberg
22. Januar 2019

Das Theaterstück, das am 20. Januar im abraxas gespielt wurde, ist besonders. Einerseits wurde eine Geschichte über Menschen, die mit Kriegshaber verbunden waren, in Kriegshaber gespielt. Andererseits war der Auftritt die erste Veranstaltung des Artus Ensembles außerhalb von Mering. Zuletzt handelt es sich um ein historisches Theater, ein Theater, das die einstigen Ereignisse lebendig macht.

Die Geschichte spielt 1862. Juden lebten meist in Kriegshaber, außerhalb der damaligen Stadtgrenzen. Es geht um einen Goldschmiedelehrling, eine Neuerung dieser Zeit: Die Zünfte waren früher nur für Christen zugänglich. Der Hunger prägte das ganze Leben. Ein Umstand, der für uns heute fast unglaublich ist. Für uns ist es kaum vorstellbar, dass in einer bitterarmen Familie neun oder mehr Kinder lebten, so viele, wie G-tt gibt.

Das Stück »Bluatlech – Tragödie am Lechrain 1862« erzählt einen deutsch-jüdischen Kriminalfall aus dem 19. Jahrhundert. Es zeigt, wie Vorurteile, soziale und standesmäßige Unterschiede zu Neid und Hass führten. In einer schicksalhaften Begegnung zweier junger Männer bricht der Hass hervor und stürzt beide ins Verderben. Die Produktion des Artus Ensembles Mering bringt auf eindringliche Weise die Lebensgeschichte des verarmten Bauernsohns Mathias und des gebildeten Augsburger Goldschmiedelehrlings Ludwig, der von Mathias ermordet worden war, auf die Bühne.

Das Geschehene wurde von Yehuda Shenef in seinem Sachbuch »Mord am Lech« aufgrund zahlreicher Dokumente beschrieben. Das Werk diente als Grundlage für Martina Drexler, die einen Einakter verfasste. Hubert Schmucker agierte als Regisseur und schaffte dabei ein eindrucksvolles Zusammenspiel von Bühnenbild, Licht und Ton. Simon Nagy spielte überzeugend die beiden Protagonisten. Aus Sicht der Theaterkunst verdient das Theaterstück nur Lob.

Historisches Theater beschäftigt sich häufig mit sogenannten »kleinen Geschichte«. Sie beschäftigt sich mit »kleinen Menschen«. Ihre Lebensgeschichten mit ihren kleinen Wünschen und Bestrebungen, mit Kleinigkeiten, die ihr Leben wesentlich prägten, erlauben uns die Vergangenheit viel besser zu verstehen, als Erzählungen über große Heldentaten. Die Zuschauer verließen den Saal mit einem Gefühl, dass sie in das damalige, nicht einfache Leben eingetaucht sind und jetzt die damaligen Ereignisse zweifelsohne besser verstehen.

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