Deutsche Romantik 2018

2. Mai 2018 - 8:28 | Thomas Ferstl

Projektor, die a3kultur-Filmkolumne im Wonnemonat Mai

Dass die deutsche Romantik nicht nur Caspar David Friedrich ist, sondern sich von der malerischen Leinwand lösen und in veränderter Form auf der Kinoleinwand erscheinen kann, ist diesen Monat im Kino zu sehen. Ob dabei auch wirklich Kunst herauskam, lesen Sie hier:

Haben Sie sich schon einmal folgende Frage gestellt: »Wer hat eigentlich die Liebe erfunden?« (3. Mai, Kinodreieck) Charlotte (Corinna Harfouch) sicherlich, denn sie steckt in einer schwierigen Phase: Nach 37 Jahren, 5 Monaten und 21 Tagen besteht ihre Ehe mit Paul (Karl Kranzkowski) nur noch aus Routine und Missverständnissen. Dabei hätte sie ihm viel zu erzählen – zum Beispiel, dass sie in letzter Zeit mehr vergisst, als sie erlebt. Doch Charlotte hat beschlossen, ihr Leben noch einmal in vollen Zügen zu genießen. Und so lässt sie ihren Mann einfach an einer Autobahnraststätte zurück, um gemeinsam mit ihrer aufgeweckten Enkelin Jo (Annalee Ranft) ans Meer aufzubrechen. Mithilfe der Lkw-Fahrerin Marion (Sabine Timoteo) reisen Paul und Jos chaotische Mutter Alex (Meret Becker) den beiden hinterher. Auf einer einsamen Ostseeinsel angekommen, treffen sie sich in der äußerst ungewöhnlichen »Pension Hörster«. Allmählich findet die Familie dort wieder zueinander und auch Charlotte und Paul versuchen, ihre Liebe neu zu erfinden.

Im Presseheft wird Kerstin Poltes Tragikomödie als »herzerwärmender Mix aus ›Little Miss Sunshine‹ und ›Die fabelhafte Welt der Amelie‹« angekündigt. Bei diesem verheißungsvollen Versprechen handelt es sich aber leider nicht um die volle Wahrheit. In Poltes Spielfilmdebüt geht es zwar auch um einen aus dem Ruder gelaufenen Roadtrip mit anschließender Familienwiederzusammenführung à la dem oscarprämierten »Little Miss Sunshine« und manche inszenatorische Schmankerl erinnern entfernt an »Amelie«. Die Symbolkraft, die in Jean-Pierre Jeunets Parismärchen leicht und verspielt wirkt, erscheint in diesem Film aber zu sehr gewollt und verkopft. Dabei bleibt die eigentlich starke Geschichte leider auf der Strecke und auch den Schauspielern gelingt es nicht, dagegen anzuspielen.

Der schweigsame Christian (Franz Rogowski) tritt eine neue Stelle »In den Gängen« (24. Mai, Kinodreieck, Foto) eines Großmarkts an. Bruno (Peter Kurth) aus der Getränkeabteilung nimmt ihn unter seine Fittiche und zeigt ihm, wie die Dinge in dem kleinen Universum funktionieren. Die beiden Männer schließen schnell Freundschaft. Auch die anderen Mitarbeiter behandeln Christian bald wie ein Familienmitglied. Als er sich in die Süßwaren-Marion (Sandra Hüller) verliebt, drückt der ganze Großmarkt ihrer Liebe die Daumen. Einziges Problem: Marion ist bereits verheiratet. Als auch Marion beginnt, Gefühle für Christian zu hegen, kommt sie eines Tages plötzlich nicht mehr zur Arbeit.

Regisseur Thomas Stuber beginnt seinen Film mit einer wunderbar choreografierten Szene zu Johann Strauß’ »An der schönen blauen Donau«. Damit hat er meiner Meinung nach eine der schönsten Eröffnungsszenen des deutschen Kinos der letzten zehn Jahre geschaffen. Auch ist sie richtungsweisend für den Rest des Films. Die einzelnen Bilder und Sequenzen verschmelzen mit dem Ton zu audiovisueller Poesie. Poesie, die auf einer Kurzgeschichte von Stubers Co-Autor Clemens Meyer basiert und von Menschen am Rande der Gesellschaft, von der Liebe und vom Leben erzählt. Mit großer Liebe zum Detail lässt der Regisseur den Zuschauer den Mikrokosmos Großmarkt erkunden, getragen von drei brillanten Hauptdarstellern. Zu Recht mit dem Gilde-Preis als bester Film im Wettbewerb der Berlinale ausgezeichnet, kann »In den Gängen« auch jetzt schon als einer der besten des Jahres überhaupt angesehen werden. 

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