Der Dichter, ein Reh im Innendienst

13. November 2020 - 9:18 | Martin Schmidt

»Dämonenräumdienst«, der neue Gedichtband von Büchner-Preisträger Marcel Beyer

Das ist schillernd, funkelnd, oszillierend zwischen Postmoderne und Tradition – ist lyrische Echokammer mitten hineingestellt in die und ausgeliefert der Informationsgesellschaft: Marcel Beyer (Foto © Jürgen Bauer), den meisten eher bekannt durch seinen Roman »Flughunde«, legt mit »Dämonenräumdienst« (Suhrkamp) lang erwartete neue Gedichte vor. »Der Dichter arbeitet als Reh im / Innendienst«, heißt es an einer Stelle, die Kontextwelten aufeinanderprallen lässt. Beyer zieht den blütenweißen, wollenen Faden »Sprache« durch den Bilderhageleintopf aus Alltag, Konsum, Kapital und Ennui, schaut, was daran hängenbleibt, und übernimmt als Erziehungsberechtigter der Impulsreihen die Fügung ins Gedicht.  

Dabei trifft Popkultur auf unvermindert hohen  Ton der Lyrik, Alltagspartikel wie die Tchibotaschenlampe auf hochartifizielle Formkunst. »Dämonenräumdienst« ist ein Gedichtband, in dem sich Amselpapst, das Buch als Rauschraum, Eiweiß-Verben, Metzgerhandy, Tintenstimme, Disney, Hildegard Knef, eine Welt voller Dackelhälften surreal aneinanderreihen. Beyer gelingt es, einem so unglaublichen Motiv wie Daisy, dem Schoß- und Tragehündchen Rudolph Moshammer, ein Gedicht abzuringen; mit gewaltiger Sprache – »Moshammer. Ein Wort wie Baggerblut.« Bei all dem hat Beyer dem ozeanischen Sprachfluss ein strenges Korsett gesetzt: Jedes Gedicht ist in exakt 40 Verszeilen gesetzt. Was Buch und Lesen rhythmisiert, manches Gedicht endet im Kreisschluss.

Beyers Sprache selbst beginnt immer wieder ihren eigenen Assonanzen zu lauschen. Beyer hört und bewegt sich mit der Zunge in die Klangbilder der Worte, greift auf, verhört und verliebt sich – und spricht und schreibt weiter. Den Prozess des Versprechens – und Verlesens: Blutliter statt Butterfly – greift er im Gedicht auf: »Eine bodenlose, eine / vollkommen wortlose Blutliter-. / ich wollte sagen: Butterfly- / Literatur, wie sie vor dir zu / Boden geht ...« Das ist nicht minder als großartig. Tongue-in-cheek-Sprachspiel bettet sich ein in komplexe Metaphernspiele. In Fünf Rezepte gegen Krötigkeit, dem dann doch schwächsten Gedicht, paart sich Dada-Nonsens mit kryptischem Kinderlied, der hohe Ton aber, irgendwie, bleibt. Wer dieses Jahr auch nur einen Lyrikband lesen möchte, der lese, als zarte Zumutung, diesen.

Marcel Beyer: »Dämonenräumdienst«
173 Seiten
Suhrkamp Verlag


www.suhrkamp.de


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