Don't worry be yoncé

5. März 2018 - 9:41 | Renate Baumiller-Guggenberger

Vorbei, vorbei… wie schade: Live-Adaption des Hörspiels »Die Geschichte meiner Einschätzung am Anfang des dritten Jahrtausends« im tim

Am Samstagnachmittag wurde im tim endlich der Schleier gelüftet: PeterLicht (übrigens 2015 Gast der Langen Brechtnacht) ist gar nicht das musikalisch-literarische Phantom, als das er sich seit vielen Jahren sehr versiert vermarktet, sondern das Alter Ego von Patrick Wengenroth! Zum Finalwochenende präsentierte der Festivalleiter seine theatralen Facetten und sein enormes Potential als Deutsch-Pop-Interpret. »Don't worry be yoncé« – der Aufdruck auf seinem schwarzem T-Shirt schien Programm!

Seine Stimme ist cool, leicht, ausdrucksvoll, »smooth-jazzig«, trug die nötige Prise Melancholie in den Raum und machte die konsequent in den Erzählertext montierten Songs wie das »Lied gegen die Schwerkraft« oder das von »Ende des Kapitalismus« zum uneingeschränkten Hörvergnügen. Amüsiert und angeregt, erstaunt und entspannt lauschte man dem Hörspiel, das Brechtfestivalleiter Patrick Wengenroth bereits im Jahr 2013 für den Deutschlandfunk in Szene gesetzt hatte. Zur Festival-Live-Version waren auch Pianist/Arrangeur Matze Kloppe sowie Anja Caspari als tiefschürfende Interview-Partnerin nach Augsburg gekommen. »Die Geschichte meiner Einschätzung am Anfang des dritten Jahrtausends« hatte PeterLicht im Jahr 2007 immerhin im Rahmen des Ingeborg-Bachmann-Preises den 3sat-Preis sowie den Publikumspreis beschert.

Worum geht’s? Ich-Erzähler PeterLicht alias PW kommt dank seiner von der Sonne (die auch nur mit Wasser kocht, die gelbe Sau) erwärmten Gedankenspielereien vom Hundertsten ins Tausendste, vom »Minusgeld«-Zustand zur Apokalypse, in der sämtliche Ingredienzien der Wohlfühlgesellschaft im Betonbodenloch verschwinden. Er schwadroniert und philosophiert, als gäbe es eben kein Morgen mehr am Anfang seines dritten Jahrtausends. Dabei folgt er dem immer gleichen Prinzip, das die Texte unweigerlich in kabarettistische Höhen katapultiert: Ein Zustand oder auch ein Sofa, zunächst als völlig »ok« definiert und behauptet, verkehrt sich alsbald in sein komplettes, extrem abstruses und stets detailverliebt formuliertes Gegenteil. Licht beherrscht die Kunst des Abschweifens und Abdriftens und zaubert eine irreale Gedanken-Atmosphäre, in der man sich gern schwindlig hört. So wurde auch die gute alte Hörspieltugend des Kopfkinos lustvoll zelebriert. Die Interpreten dieses Mannes ohne Eigenschaften, der »jeder sein könnte« gaben alles, um ihn und seine Songs auf der Bühne lebendig strahlen zu lassen – immer ganz nah dran an Songzeilen wie dieser: »Gesellschaft ist toll, wenn nur nicht die Leute wären.«

www.brechtfestival.de

Foto: Christian Menkel

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