Dort oder Jetzt?

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27. September 2019 - 14:36 | Gino Chiellino

Für seine Kolumne »Deutsch richtig und gut« hat Gino Chiellino Begriffe gesucht, die er paarweise umschreibt, um zu zeigen, wie er sie anders versteht als seine Gesprächspartner. Teil 23

Raum als Geburtsort oder Wohnort und Zeit als Jahreszeiten oder Tageszeit bestimmen das Leben von Menschen, Tieren und Pflanzen. Dies ist bestimmt keine neue Erkenntnis. Worüber aber wenig nachgedacht bzw. geforscht wird, ist die Frage: Wie verhalten sich Raum und Zeit im Leben von Einwanderern, Binneneinwanderern, Exilierten, Flüchtlingen oder Nomaden? Ich selbst vermute, dass zwischen Raum und Zeit ein ständiger Austausch von Informationen stattfindet, die dafür sorgen, dass die Menschen sich überall in der Welt an dem Ort, wo sie leben, und zu der Jahreszeit, die sie erleben, wohl fühlen können, wenn nicht andere Faktoren angreifen. Ein stichhaltiger Beweis dafür ist kaum zu erbringen, denn wer kann erfassen, durch welche Informationen sich Raum und Zeit austauschen? Erst durch die Unterbrechung des dialogischen Austausches zwischen Raum und Zeit, das heißt zwischen Geburtsort und vertrauten Jahreszeiten im Leben eines Menschen, lässt sich etwas davon erahnen. Umso mehr können es diejenigen, die eine Unterbrechung des Austausches auf sich haben nehmen müssen.

Zu ihnen gehören an erster Stelle Menschen, die aus welchen Gründen auch immer gezwungen werden, den Geburtsort, das eigene Land und die vertrauten Jahreszeiten zu verlassen. Seit eh und je befinden sich unter ihnen Dichter. Dichter wie zum Beispiel Agostinho Neto (1922–1979: erster Präsident des unabhängigen Angolas, Arzt und Dichter) oder Czesław Miłosz (1911–2004: polnischer Dichter und Nobelpreisträger), die aus dem dialogischen Austausch zwischen Geburtsort und vertrauten Jahreszeiten verbannt wurden. Der unvermeidbare Verlust des Gleichgewichts in ihrem Leben als Exilierte hat sie dazu bewogen, sich mit dem Wegfallen des Austausches zwischen Raum und Zeit im Leben eines Exilierten, Einwanderers, Binneneinwanderers und Flüchtlings zu beschäftigen. Sie wollten vor allem herausfinden, welche existenziellen Veränderungen sich daraus ergeben und wie der Austausch wiederhergestellt werden könnte. Hier die Ergebnisse ihrer Erfahrungen:

Czesław Miłosz / Raum

Die Einbildungskraft, die immer raumübergreifend ist, weist von einem zentralen, bevorzugten Ort aus nach Norden, Süden, Osten und Westen. Dieser Ort ist meist ein Dorf unserer Kindheit oder der heimatlichen Umgebung. […] Das Exil verlagert jedoch dieses Zentrum bzw. schafft zwei Zentren. Und die Vorstellung bezieht alles, was einen umgibt, auf jenes »dort drüben«, in meinem Fall auf einen Ort in Europa. Sie hört auch nicht damit auf, die vier Himmelsrichtungen weiter so zu bestimmen, als ob man noch »dort drüben« stünde. Zur gleichen Zeit aber sind Norden, Süden, Osten und Westen durch den Ort bestimmt, an dem ich dies hier schreibe. […] Deshalb kommt es zu einem seltsamen Phänomen: Die beiden Zentren und die darum gelagerten Räume geraten miteinander in Konflikt oder – und das wäre eine glücklichere Lösung – treffen zusammen und vereinen sich. (Zeichen im Dunkel. Suhrkamp, 1980, S. 120–121)

Agostinho Neto / Vertrauen

Der Ozean trennte mich von mir
da ich mich verlor in den Jahrhunderten
doch hier bin ich wieder
vereinige in mir den Raum
verdichte die Zeit. (Gedichte. Röderberg, 1977, S. 39)

Nach Czesław Miłosz wäre die Wiederherstellung des unterbrochenen Austausches von Informationen zwischen Raum und Zeit durch eine glückliche Integration von unterschiedlichen Kultur-Sprachräumen und von diskrepanten Jahreszeiten wünschenswert, ja sogar möglich. Für Agostinho Neto ist eine glückliche Raum-Zeit-Vereinigung in der Fremde nicht gegeben. Erst durch die Rückkehr können Raum und Zeit den für sein Leben beschützenden dialogischen Austausch aufnehmen.

Und wie sieht es im Alltag der Einwanderer aus? Das Dilemma zwischen Dort und Jetzt dauert an. Dort sich zugehörig zu fühlen und jetzt zu leben ist für die erste Generation ein Konflikt, der »keine glückliche« Lösung finden kann! Aber das Dilemma könnte auch der richtige Weg sein, den die Einwanderer gehen müssen, um den Inhalt ihres jetzigen Lebens so reichhaltig wie möglich zu gestalten: Je mehr sie sich dort zugehörig fühlen, umso inhaltsreicher können sie ihr jetziges Leben ausleben.

Wie gesagt, für Exilierte, Einwanderer und Flüchtlinge ist es vernünftig, Deutsch richtig und gut zu lernen. Unvernünftig ist die damit verbundene Hoffnung, hinterher könne man sich mit den Staatsbürgern des Landes verstehen. In der Tat versteht man sich nicht, weil man die gleiche Sprache paritätisch spricht: Gesprächspartner verstehen sich, weil sie bereit sind, sich zu verändern und dabei Dort und Jetzt nicht zu verwechseln.

»Deutsch richtig und gut« lautete der Titel der Fibel, mit der sich Chiellino 1970 in Düsseldorf Deutsch beibringen wollte. Der interkulturelle Literaturwissenschaftler, Dichter, Essayist, Herausgeber und Übersetzer wurde unter anderem mit dem Adelbert-von-Chamisso-Preis für sein lyrisches Werk ausgezeichnet.

In der Reihe »Europa Erlesen« (Wieser Verlag) erschien im Frühjahr ein neuer Band zu Kalabrien. Herausgeber Gino Chiellino versammelt auf rund 300 Seiten über 30 literarische Beiträge zur südlichsten Region des italienischen Festlandes. »Europa Erlesen: Kalabrien«, Wieser Verlag, ca. 300 Seiten, Preis: 14,95 Euro

www.chiellino.eu

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